Zeitung Heute : Alternativen zum Internet

BURKHARD SCHRÖDER

Politisch und ohne Werbung: Der Mailbox-Verbund ComLinkVON BURKHARD SCHRÖDER

Im Internet gibt es alles.Wer nicht alles will, sondern etwas ganz Bestimmtes, der hat in Deutschland die Auswahl zwischen verschiedenen Mailbox-Verbundsystemen.Eines der ältesten ist das ComLink-Netz (CL).Das kann sich, was Qualität der Inhalte und Benutzerfrequenz angeht, durchaus mit kommerziellen Anbietern wie AOL oder Compuserve messen: 100.000 Menschen beziehen die mehreren hundert CL-Foren; über 200 Systeme in ganz Europa bieten die Nachrichten des CL-Netzes an.Man schreibt in deutsch, aber auch in englisch, italienisch, serbokroatisch und türkisch. Die Idee zu einem deutschsprachigen Computernetz hatte eine Frau, Gabriele Hooffacker aus München.Sie gründete 1981 zusammen mit dem Lehrer Peter Capito die "aktion lehrer-pool".Dozenten, Lehrer und Schüler sollten per Computer miteinander kommunizieren.Das erste deutsche Computernetz scheiterte, weil ein kommerzieller Computerhersteller die Idee plagiierte. Den zweiten Schritt machten die bayrischen Jusos.Die vernetzen 1986 per Modem und Telefonleitung ihre winzigen Amiga-Computer und nannten sich "Sozialistischer Computerclub"(SCC).Ein Jahr später ging die Mailbox in München ans Netz.Der SCC und die "Bayrische Hackerpost" schlossen sich alsbald zu dem Verein "Kommunikation und Neue Medien e.V." zusammen.1988 vernetzten sich weitere Mailboxen in Nürnberg, Köln und dem Saarland zum "Linksystem", Boxen in allen großen deutschen Städten folgten. 1989 spielte die Bürgerrechtsbewegung der DDR unter dem Pseudonym "Zentrale-Greif" ihr Gründungsdokument in die Mailbox Link-H in Hannover ein.Noch am selben Tag erschien es in ganz Deutschland auf den Monitoren.1991 war der ehemals kleine bayerische Computer-Verbund schon mit Boxen in Österreich und der Schweiz verbunden. Die rasante Entwicklung führte dazu, daß sich viele lokale Umweltmailboxen und alle "Linksysteme" mit dem alternativen internationalen Netz APC (Association for progressive Communications) zusammenschlossen.Der 1992 aus der Taufe gehobene Verein Comlink e.V.gab den Namen für das heutige CL-Netz und bestand in seinem Gründungsjahr aus über 150 Mailbox-Systemen mit über 10.000 Teilnehmern.Schon zwei Jahre später hatte sich die "User"-Zahl verdoppelt, weitere zwei Jahre später vervierfacht.Mittlerweile sind zahlreiche lokale und themenspezifische Computer-Netze (wie das feministische Femnet oder der Gewerkschaftsverbund Solinet) dem CL-Verbund angeschlossen.Sogar eine Mailbox in Istanbul gehört zum CL-Netz. Die inhaltlichen Schwerpunkte verleugnen nicht die Ursprünge des Cl-Netzes: Es dominieren soziale, ökologische, kulturelle und politische Themen.Dazu kommen Dutzende regionaler "Bretter".Comlink will sich bewußt von anderen Netzen absetzen, die eher Foren für technisch versierte Computer-Freaks anbieten. Das Cl-Netz ist zwar dezentral und nicht hierarchisch gegliedert, dennoch wachen Koordinatoren darüber, daß ein gewisses Niveau und die "Nettiquette" gewahrt bleiben.Rassistische und pornographische Inhalte werden sofort verbannt. Der Vorteil von Netzen wie dem CL ist das Arbeiten mit sogenannten "Offline-Readern".Die meisten Teilnehmer des CL-Netzes bestellen die für sie interessanten "Bretter" bei ihrer Mailbox und rufen die mit ihrem Offline-Programm automatisch ab.Das spart im Gegensatz zum Internet, in dem man sich in der Regel "online" bewegt, erheblich an Telefonkosten.Eine Verbindung zum Internet besteht - wie sich das heute eben gehört - auch für die User und Userinnen des Comlink-Verbunds.

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