Zeitung Heute : Alternatives Reisen (8): Im Zeichen des Gänsegeiers

Stefan Woll

Ausgesprochener Spanien-Liebhaber und -Kenner ist der Diplom-Biologe Joachim Griesinger aus dem badischen Dossenheim, der sich 1994 mit "Reisen in die Natur" selbstständig machte. Nach Spanien führt denn auch die Hälfte der 34 Reisen, die sich im Angebot dieses Jahres finden, daneben Fahrten nach Österreich und Ungarn, nach Nordost-Polen, nach Marokko, Kuba und Costa Rica. Bei dieser Verteilung, von der nach einer Pause wieder aufgelegten Hausboot-Reise ins rumänische Donaudelta einmal abgesehen, wird es auch 2002 bleiben.

"Ornithologie, Naturfotografie und Naturerleben" sind die Schwerpunkte von "Reisen in die Natur", Mitglied im Forum anders Reisen. Griesingers Reise-Credo lautet denn auch: "Schonender Umgang mit der Natur, Reisegruppen zwischen vier und maximal zwölf Personen, Nutzung und Stärkung der ursprünglichen Infrastruktur, Kooperation mit lokalen und regionalen Naturschutzinitiativen."

In einer einzigartigen europäischen Steppenlandschaft an sieben Tagen bei sommerlichen Temperaturen mit Lunchpaket und Pinkelfläschchen bis zu 16 Stunden mucksmäuschenstill in einem undichten Tarnversteck verharren: So wird am Beispiel der artenreichen Extremadura im Südwesten Spaniens, die Griesinger das ganze Jahr über diverse Male bereist, leicht vorstellbar, dass Naturerleben und Naturfotografie gewissermaßen entbehrungsreich sein müssen, um ertragreich werden zu können.

Denn nur dann zeigen sich auch die Motive der Begierde, tauchen vom Aussterben bedrohte Vogelarten auf, sind Trappen, Flughühner, diverse Falkenarten, sind Geier, Störche und Kraniche zu beobachten und abzulichten. Und auch nur dann wird es möglich sein, etwa in Kubas Westen den kleinsten Vogel der Welt, die Kolibriart Bienenelfe zu sehen, der in einen Fingerhut passt, oder auch den Graubürzelsinghabicht, den es in Marokko gibt.

Kleinteiligkeit, ausschließliche Nutzung landestypischer Ressourcen und einheimischer Infrastruktur, kein versteckter Geldtransfer an Reise-Multis verbinden sich bei "Reisen in die Natur" zum Rezept für respektvolles Erkunden fremder Räume. Dazu gehören Unterkünfte, die je nach Zielland vom Igluzelt, Ferienhaus über die kleine familiär geführte Pension zum ländlichen Mittelklasse-Hotel reichen. Die Verköstigung ist einfach und schließt, neben Halbpension, üblicherweise auch ein Lunchpaket ein.

Neben alljährlichen Neuzugängen sind viele von Griesingers Kunden "Wiederholungstäter", auch naturverbundene Flaneure, die zum Beispiel im Spätherbst zu Murmeltier und Zirbelkiefer ins Ötztal oder zu Laubverfärbung und Bartgeier in die Hochpyrenäen fahren: Sie bilden die Stammklientel bei dem Veranstalter, dessen Markenzeichen der Gänsegeier ist.

Bei einer Reisedauer zwischen sieben und 14 Tagen reichen die Reisekosten bei Griesinger derzeit von 1400 bis zu 4600 Mark, je nach Reiseziel und -dauer. In aller Regel sind es besser Verdienende, die ihren Urlaub bei Griesinger buchen - aber auch solche Menschen, die einen Hang zur Exotik haben, die die Natur (noch) bietet, solche, die die Hummeln nicht im Hintern, sondern vor der Linse haben, die gern unter Geiern sind und im Abendrot mit Kranichen um die Steineichen tanzen würden.

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