Altersteilzeit : Ab in Rente

Lutz Haverkamp

Es fehlt an allen Ecken und Enden: Die deutsche Wirtschaft sucht noch 100 000 Diplomingenieure, hat der Verein Deutscher Ingenieure ausgerechnet. Nach Schätzungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages fehlen gar 400 000 Fachkräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Neuerdings klagen Unternehmen, sie könnten ihre betrieblichen Ausbildungsplätze kaum noch mit geeigneten Bewerbern besetzen. Die SPD hat jetzt beschlossen, diese Mangelerscheinung zu verschärfen. Denn nichts anderes ist die Verlängerung der Altersteilzeit.

Sollten sich die Sozialdemokraten – unterstützt von einigen linken CDUlern und allen ganz linken Linken – mit ihren Plänen durchsetzen, kann das sehr teuer werden. Dabei sind die 1,5 Milliarden Euro, die die Bundesagentur für Arbeit im laufenden Jahr für Altersteilzeit geplant hat, nur der kleinere Batzen. Volkswirtschaftlich ist der Schaden größer, politisch ist das SPD-Vorhaben eine Bankrotterklärung.

Keinem Arbeitnehmer kann vorgeworfen werden, die lukrativen Bedingungen des gleitenden Übergangs in das Rentnerleben anzunehmen. Die finanziellen Abschläge sind überschaubar, die Aussichten auf ein früheres Ausscheiden aus dem Erwerbsleben bei guter Gesundheit und finanziellen Möglichkeiten rosig. Gerade gut ausgebildete und gut bezahlte Fachkräfte können sich das leisten. Aber der Politik muss man vorwerfen, diesen zu frühen Übergang vom Erwerbsleben in das Rentnerdasein ohne Not zu fördern. Qualifizierte Arbeitnehmer, die sich im Unternehmen behauptet haben, werden nun von der SPD ermuntert, früher als gesundheitlich nötig und volkswirtschaftlich geboten den Arbeitsmarkt zu verlassen.

Das bleibt nicht ohne Folgen. Denn wo ein hoch qualifizierter Ingenieur mit langer Berufserfahrung keine Innovationen mehr kreiert, werden andere sie nicht in Produkte oder Dienstleistungen umsetzen, und wieder andere werden sie nicht verkaufen können. Die Verlängerung der Altersteilzeit wirkt bei gleichzeitigem Fachkräftemangel, als wolle man ein Feuer mit Benzin löschen. Sie kostet Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum, Steuereinnahmen und Sozialabgaben. All das muss zu den 1,5 Milliarden Euro, die die Bundesagentur für Arbeit für die mehr als 100 000 Altersteilzeitler 2008 ausgeben wird, dazugerechnet werden.

Politisch torpediert die SPD mit ihrem Beschluss die Rente mit 67, die Ex-Parteichef und Ex-Vizekanzler Franz Müntefering gegen Widerstände in der eigenen Partei durchgesetzt hat. Die Rente mit 67 passte in den Agenda-2010-Prozess, der bei allem Unmut dann doch für mehr Arbeit und mehr Wohlstand für viele in Deutschland gesorgt hat. Aber von diesem Weg hat sich die Mehrheit der Sozialdemokraten schon lange verabschiedet. Die Verlängerung der Arbeitslosengeld-I-Zahlung für Ältere und die Manipulation an der Rentenformel sind die jüngsten Beispiele dafür. Nicht Nachhaltigkeit im Wirken, sondern Prozentpunkte in Umfragen bestimmen den Kurs der SPD.

Für einen populistischen Wohlfühl- Wahlkampf eignet sich die Verlängerung der Altersteilzeit dann aber doch. Wer wollte dem nicht zustimmen, dass 64-jährige Dachdecker nicht mehr aufs Gerüst gejagt werden können? Wer will wirklich, dass gebrechliche, müde gearbeitete Alte den gleichen Job machen wie frische 20-jährige Berufseinsteiger? Niemand will das. Und die Realität in Deutschland sieht auch anders aus. Das Problem können Unternehmen in eigener Verantwortung viel besser mit Betriebsräten und Gewerkschaften lösen, als die Politik es je vermögen wird.

Die SPD tritt gerade einen weiteren Beweis an, dass Nachhaltigkeit in der Politik aus der Mode gekommen ist. Die Strategien sind auf den Herbst 2009 ausgerichtet. Bundestagswahl. Dafür muss ein kuscheliges Klima geschaffen werden. Ohne Zumutungen, mit Geschenken. Koste es, was es wolle. Diese Art von Politik wird Deutschland nicht weiterbringen. Ihre Verfechter gehören aussortiert. Und das ganz plötzlich. Nicht langsam gleitend wie bei der Altersteilzeit.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben