Zeitung Heute : Altmodisch, aber schön

SANDRA LUZINA

Steffi Scherzer und Oliver Matz, Berliner TanzstarsSANDRA LUZINASchwanensee gilt nicht nur als Synonym für das Ballett; nach Schwanensee kann man süchtig werden.Aus dem Repertoire der Berliner Opernhäuser war das Schlüsselwerk zuletzt ganz verschwunden.Doch die Ballettomanen können nun aufatmen.Wenn heute bei Mondlicht Dutzende von Schwänen über die Bühne der Staatsoper gleiten, dann greift Daniel Barenboim selbst zum Taktstock.Die Hauptrollen tanzen Oliver Matz und Steffi Scherzer, die Berliner Koryphäen und auch international gefeierte Tanzstars."So ein Werk gehört an dieses Haus", betont Oliver Matz.Das prominente Tanzpaar bewegt sich seit einiger Zeit auf kulturpolitischem Parkett.Beide fehlten bei keiner Diskussion um die Zukunft des Berliner Balletts.Zudem sind die beiden mit einem offenen Brief an den Kultursenator hervorgetreten, in dem sie beklagen, daß der klassische Tanz keine Lobby habe in Berlin. "In der Diskussion um die Fusion der Ballett-Compagnien war immer weniger vom klassischen Ballett die Rede", moniert die Primaballerina.Bei den betroffenen Tänzern sei zudem der Eindruck entstanden, daß man über ihre Köpfe hinweg entscheidet.Steffi Scherzer formuliert ihre Kritik mit leiser Stimme.Oliver Matz redet sich dagegen schnell in Rage, wenn das Gespräch auf die Berliner Ballettpolitik kommt."Was sich hier in den letzten Jahren abgespielt hat, ist aus unserer Sicht ein Desaster", ereifert sich der gebürtige Rostocker.Es sei regelrechter Rufmord am Ballett betrieben worden. Beide sind viel in der Welt herumkommen - was man sich in Berlin oft nicht bewußt macht.Sie tanzen mehr auf den Bühnen der großen Metropolen als daheim.Dabei hängen beide sehr an der Staatsoper, so beteuern sie.Doch die ungeklärte Sitaution am Haus dauere nun schon so lange, das schmälere auch die Attraktivität des Balletts.Die Berliner Ballettpolitik ist jedenfalls allerorten Gesprächsthema.Egal, ob er sich mit Bill Forsythe, John Neumeier oder Uwe Scholz unterhalte - so erzählt der vor zwei Jahren zum Berliner Kammertänzer ernannte Matz - alle seien der Meinung, daß in Berlin das Pferd von hinten aufgezäunt wird."Alle großen Compagnien wurden von einem Createur gebildet, sei es nun ein Choreograph oder ein Macher.Hier soll erst eine Compagnie formiert werden, ohne daß ein Leiter in Sicht ist." Die Stimmung unter den Tänzern ist derzeit nicht die beste, umso größer nun die Freude über die Zusammenarbeit mit Patrice Bart: Der stellvertretende Ballett-Direktor der Pariser Opera besorgt die Neueinstudierung von "Schwanensee"."Patrice bringt soviel Energie, Tanzwut und Liebe zu unserem Beruf mit, daß er uns die mißliche Situation vergessen läßt", schwärmt das Tänzerpaar.Steffi Scherzer, die sich noch an ihre Anfänge als Gruppenschwan erinnert, tanzt die Doppelrolle Odette / Odile nicht zum ersten Mal.Es sei aber immer noch eine Traumrolle."Ich bin viel tiefer hineingewachsen in die Rolle", sagt sie. Das gute Mädchen scheint der zarten Rothaarigen aber mehr zu liegen als das bad girl.Der Zauber der Odette liege in ihrer Reinheit und aufrichtigen Liebe begründet, glaubt die Tänzerin.Der Prinz sei diesmal nicht so träumerisch und weltvergessen, der Kadett aber gefangen in einer starken Mutterbindung, erläutert Oliver Matz."In der Begegnung mit Odette fühlt er zum erstenmal, daß es etwas gibt, was ihn befreien könnte"."Große Gefühle" und "magische Momente" machten die Faszination von "Schwanensee" aus.Natürlich sei das Ballett altmodisch, aber das sei gerade das Schöne daran - so kommt es wie aus einem Munde. Die tägliche Arbeit im Ballettsaal sei belastend, sagt das Paar, doch es gebe immer wieder diese Glücksmomente auf der Bühne, wenn man sich freitanze."Es ist ein Privileg, einen Beruf auszuüben, in den man seine ganze Leidenschaft hineinlegen kann," fügt Matz hinzu.Für Steffi Scherzer erfordert der Tänzerberuf absolute Hingabe.Die Anforderungen - die physischen und die mentalen - seien enorm."Der menschliche Körper ist keine Maschine.Entscheidend ist die Motivation." Oliver Matz möchte dies auch als Botschaft an die Adresse der Kulturpolitik verstanden wissen. Premiere heute, Staatsoper, 19 Uhr.

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