Zeitung Heute : Am Anfang war das Arpanet

LEONIE LENTZ

VON LEONIE LENTZJede Zukunftsmusik nervt auf die Dauer, wenn Fakten fehlen.Das gilt auch für das Internet.Gegen Netzfrust und Hype-Allergie bietet sich ein Blick auf die Ursprünge des Netzes an, wie sie Katie Hafner und Matthew Lyon in ihrem jetzt auch auf deutsch erschienenen Buch dokumentieren. "Arpa Kadabra" - hinter der Zauberformel des Internets steckten hart arbeitende Computerwissenschaftler, bezahlt aus den Mitteln des amerikanischen Verteidigungsetats.Unter dem Eindruck des Sputnikschocks war im Pentagon Ende der 50er Jahre eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung gegründet worden, die Advanced Research Projects Agency, kurz ARPA genannt.In deren Abteilung für Datenverarbeitung entstand Mitte der 60er Jahre erstmals die Idee, die verschiedenen gebräuchlichen, bis dahin inkompatiblen Rechnertypen zu einem Computer-Netzwerk zusammenzuführen. Die Autoren erzählen die Geschichte dieses ersten Netzwerk-Experimentes der Welt als die Geschichte derer, die es möglich machten.Sie berichten von den Visionen des Psychologen, Computerwisseschaftlers und zeitweiligen ARPA-Abteilungsleiters J.C.R.Licklider, der sich für die Idee einer Symbiose von Mensch und Maschine begeisterte.Oder von Projektleiter Larry Roberts, wie er sich erst lange gegen einen Job im Pentagon sträubte. Auf diesem Wege erschließen sich auch für wenig computerkundige Leser die technischen Grundzüge eines Computernetzwerks, mit seinen Anforderungen an Hardware und Software, seinen Problemen und ihren überraschenden Lösungen.1970 gelang es dem ARPA-Team, vier Universitätsstandorte an der amerikanischen Westküste miteinander zu vernetzen.Die Grundprinzipien des Plans bewährten sich.Die beteiligten Rechner wurden über eigens entwickelte Netzwerk-Computer und Telefonleitungen dezentral miteinander verbunden.Der Datenstrom zwischen ihnen floß häppchenweise.Mit Zieladresse und Seriennummer versehen, wurden Datenpakete ins Netz geschickt - und sie kamen an.1972 klappte die öffentliche Vorführung eines Netzwerks mit 40 Knotenpunkten quer über den amerikanischen Kontinent - das ARPANET avancierte vom Experiment zum Begriff.Seine Entwickler hielten kein Spielzeug, sondern eine "Rakete in Händen". Für die beteiligten "Zauberer" scheint jedenfalls festzustehen, daß damals in der Mitte des Kalten Krieges auch eine Schöpfungsgeschichte begann: "Und die ARPA sagte: Es seien mehr Netzwerke.Und so geschah es." Katie Hafner und Matthew Lyon: ARPA KADABRA.Die Geschichte des Internet.dpunkt.verlag, 351 Seiten, 49 DM.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar