Zeitung Heute : Am Ende findet Berti Vogts doch noch versöhnliche Worte

MICHAEL ROSENTRITT

NIZZA .Beinahe beschwingt machte sich Hans-Hubert Vogts daran, den Abgesang auf gescheiterte Ambitionen zu halten.Gestern mittag, gut zwölf Stunden nach dem 0:3 im WM-Viertelfinale gegen Kroatien, hatte der Bundestrainer seine niedergeschlagenen Fußballer auf die Heim- oder Urlaubsreise und Christian Wörns auf Wohnungssuche nach Paris geschickt, wo der Rotsünder ab der nächsten Saison spielen wird.Einsatz und Willen hätten jedenfalls gestimmt in einer "Mannschaft, die Charakter hat", wie Vogts später erzählte.Und wohl auch viel Glück hatte bis Lyon.Neben Vogts hatten auch Jürgen Klinsmann und Delegationschef Franz Böhmert den Weg vor die Presse gefunden, nachdem noch am Vorabend in Lyon kaum einer reden wollte oder konnte, und wenn, dann doch nur recht merkwürdige Schuldzuweisungen an die Adresse des Schiedsrichters äußerte.

Auf der obligatorischen Pressekonferenz nach Spielschluß hatte sich Vogts - die eine Hand leger in der Hosentasche, die andere das Mikro haltend - beinahe wie ein Entertainer gegeben und mit dem Satz "Über die provokante Art der Kroaten, wie sie die Rote Karte herausholten, möchte ich hier lieber nichts sagen" für allgemeine Verwirrung und Verstimmung beim internationalen Auditorium gesorgt.Die war plötzlich so gravierend, daß kein einziger dem Deutschen mehr eine Frage stellen mochte.Nein, am Tag danach war Vogts entspannter und sparte sich im wesentlichen die peinlichen Bemerkungen über die "Schuldigen" (natürlich der Schiedsrichter, die Kroaten und das Gesamtwerk FIFA sowieso).

"Wir hatten einen Traum", erzählte da der Mann, der mit seiner Mannschaft nach 1994 zum zweiten Mal in einem WM-Viertelfinale steckengeblieben war."Gestern ist dieser Traum zerplatzt.Wir wollten nach Paris.Es hat nicht gereicht." Versöhnliche Worte nach einem Abend, an dem er, Vogts, und seine Spieler wahre Größe hatten vermissen lassen.Vogts sei, wie er fast entschuldigend sagte, "noch in die Kabine der Kroaten gegangen, um meine Glückwünsche auszusprechen".Na bitte, es geht doch.

Über das Warum aber zu diskutieren, erschien dem Bundestrainer dann doch zu müßig."Die Mannschaft hat gegen Kroatien ihre beste Halbzeit bei dieser WM gespielt", sagte Vogts, der Bundestrainer bleiben wird, und flüchtete fortan in die Zukunft.Kein Wort über sein wildes Wechselspiel in Sachen Personal.Speziell im deutschen Mittelfeld hatte sich bis ins fünfte WM-Spiel hinein keine Stammbesetzung finden lassen (können?).Vogts ("Ich habe einen Vertrag mit den DFB") war bemüht um Schadensbegrenzung, verwies vielmehr auf Fehler in der Vergangenheit."Dem Bosman-Urteil will ich gar nicht die Alleinschuld geben.Vor fünf, sechs Jahren wurde ich nicht gehört, als ich Kritikpunkte ansprach", sagte Vogts.In Deutschland sei nun mal kein reiner Spielmacher vorhanden oder aber in Sicht."Diese Typen fehlen uns einfach." Von seinem jahrelangen Lieblings-Lenker Andreas Möller hatte er noch vor WM-Halbzeit die Nase voll.Und Thomas Häßler konnte ebenso nicht durchgehend überzeugen, wenngleich er speziell im Viertelfinale der Vogtschen Umstellungswut zum Opfer fiel.

Ob es jetzt zum großen personellen Schnitt kommt, den viele wollen und nur wenige nicht befürchten müssen, wollte der Bundestrainer vorerst unbeantwortet lassen."Wir müssen in Ruhe ein Konzept erarbeiten mit dem Verband, den Trainern und den Bundesligavereinen." Er selber hätte zwar eigene Vorstellungen und Ideen, allerdings "wird es sehr schwer, diese umzusetzen", sagte Vogts."So weit ist es schon mit dem deutschen Fußball gekommen, daß wir zukünftig Spieler in die Auswahl berufen müssen, die nicht einmal Stammspieler in den jeweiligen Vereinen sind."

Drei kroatische Tore hätten vielen die Augen geöffnet, so hofft Vogts.Der deutsche Fußball steht da, wo er lange nicht mehr gestanden hat.Vielleicht steht er auch gar nicht mehr, sondern kniet oder liegt gar am Boden."Die Spieler müssen jetzt lernen aufzustehen", sagt Vogts, der noch nicht abzuschätzen vermag, ob der deutsche Fußball nach dem Verzicht auf langjährige Leistungsträger ins internationale Mittelmaß abzurutschen droht."Ich hoffe nicht.Wenn es uns gelingen sollte, dies zu vermeiden, dann war die Niederlage sogar gut für uns."

Gut für Jürgen Klinsmann, daß er dafür seinen Kopf nicht mehr hinzuhalten braucht.Nach 108 Länderspielen beendet der Stürmer seine elfjährige internationale Karriere.Und das, obwohl ihm die Mediziner des DFB versichert hätten, daß er noch die nächste WM in vier Jahren in Angriff nehmen könnte.Doch dies steht nicht zu befürchten."Ich werde mich jetzt für einige Monate zurückziehen und überlegen, ob ich überhaupt weiter spielen werde", sagte Klinsmann.In Zukunft möchte er sich seiner Familie widmen und darauf hoffen, daß sich jeder Spieler aus dem heimreisenden Frankreich-Kader, "egal wie gefrustet und enttäuscht unter Kontrolle", haben möge.Frei nach dem Motto: Es gibt nichts Schlimmeres, als die Schuld bei anderen zu suchen.

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