Zeitung Heute : Am Ende schält der Mensch Kartoffeln

PARVIN SADIGH

Derweil schreibt der Computer neue Bücher / Eine Diskussion in Podewil über Literatur im InternetVON PARVIN SADIGH

"Wir sind uns ja so einig und das macht keinen Spaß" - so Andy Müller-Maguhn, Mitglied des Chaos-Computer-Clubs, letzten Freitag im Laufe der Podiumsdiskussion zum Thema "Literatur im Netz".Friedrich Kittler, begehrter Medientheoretiker, und Florian Cramer, Student der Literaturwissenschaften diskutierten gemeinsam mit Müller-Maguhn im Rahmen des Softmoderne-Festivals im Podewil.Tatsächlich zogen die drei Experten ihre Zuhörer eher mit provokativen Thesen und ironischen Wortkaskaden in den Bann als durch kontroverse Ansichten.

Wovon spricht man eigentlich, wenn man über Literatur im Internet diskutiert? Florian Cramer beschränkte sich jedenfalls nicht auf Texte, die im Netz veröffentlicht werden.Er bezeichnete das Internet insgesamt als Literatur.Schließlich sei es ein Schriftmedium, ein "weltweiter Text", wie er das World Wide Web übersetzte.Cramer beschrieb das Netz außerdem als "Bibliothek".Allerdings könne es mit seiner Kapazität an Wissen nicht einmal der Stadtbücherei Wilmersdorf das Wasser reichen.Was die traditionell verstandene Literaturproduktion betreffe, leide diese im Internet "am Bildschirm und an den Urheberrechten" und sei deshalb kaum vielversprechend.Einhellig zeigten alle drei Spezialisten wenig Interesse an der sonst so heftig diskutierten Hypertext-Literatur.Cramers provokative These: Die momentan wirklich interessanten literarischen Phänomene im Internet seien schon vor 300 Jahren praktiziert worden.Denn die Textspiele im Internet, in denen mit fiktionalen Identitäten und Mythen experimentiert werde, funktionierten ähnlich wie die poetischen Konversationsspiele des Barock, die als Nebenprodukte Romane hervorbrachten.

Friedrich Kittler bezweifelte, ob Literatur im Netz überhaupt existiere: Nüchtern betonte er, Sprache im Internet sei keine Literatur, sondern Technologie: Sie bestehe lediglich aus binären Codes.Mit einer gehörigen Portion Ironie behauptete er, ihn interessierten vor allem die von Computern gemachte "Literatur": "Agenten und Dämonen", die sich wie Subjekte mitteilen, aber in Wirklichkeit vom Computer erstellt sind, müßten nach Kittlers Beteuerungen "behandelt werden wie der eigene Partner".Man müsse mit ihnen leben wie einstmals mit Geistern und Engeln.Jedenfalls könnten wir nicht mehr darauf beharren, daß wir mit Subjekten kommunizierten.Kittler ging so weit, sich eine "darwinistische Kontrolle von Programmen" zu wünschen, die Qualität herstellen, indem sie automatisiert Texte korrigieren, löschen, ändern.Schön fände er immer einen "kurzen Input und viel Output".Werden Menschen überhaupt noch gebraucht, um Texte zu schreiben? Ist Literatur per Computer berechenbar? Cramer spann die provokative These weiter, indem er auch den Literaturkritiker zur Maschine werden ließ: "Eine Maschine textet, eine andere bewertet - der Mensch kann nur noch Kartoffeln schälen".

Andy Müller-Maguhn kümmerte sich nicht um "Agenten und Dämonen", da seiner Ansicht nach der virtuelle Raum noch in erster Linie von "Menschen mit subjektivem Empfinden" bevölkert wird.Überhaupt brachte er immer wieder einen erfrischend pragmatischen Ton in die Diskussion.Müller-Maguhn beschäftigt sich mit Menschen, die sich in virtuellen Welten verlieren oder auch finden.Er beschrieb einen Hacker, der sich nicht zufriedengab, ehe er die Codes von Telefonkarten geknackt hatte, jedoch kaum in der Lage war, sich mitzuteilen.Im Diskussionsteil des Internetes, dem IRC (Internet Relay Chat), sei das Niveau der Konversation oft nur "auf CB-Funk-Qualität" - an eine Bereicherung für die Literatur-Sprache ist hier sicher nicht zu denken.

Die Diskussion landete letztendlich doch noch beim Geld: Alle drei waren sich einig, daß Verlage sich selbst ruinierten, würden sie ihr Angebot vollständig ins Internet stellen.Zuvor müßte geregelt werden, ob und wie gezahlt werden soll.Soll der Zugriff auf ein Werk bereits Geld kosten oder wird man erst zur Kasse gebeten, wenn man einen Text ausdruckt? Sichere Zahlungssysteme müßten entwickelt und auch zugelassen werden.Die Qualität muß steigen, um Werbekunden zu gewinnen.Was ist mit dem Copyright? Und schließlich: Verliert das Internet nicht seinen Reiz, wenn es professionalisiert und damit teuer wird?

Einig waren sich alle drei auch darin, daß das Buch, wie Florian Cramer sich ausdrückte, nach wie vor "die ideale Speicherqualität" für die Literatur biete und außerdem praktischer sei: Immerhin könne man, nach Müller-Maguhn, damit Fliegen erschlagen und es mit in die Badewanne nehmen.

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