Zeitung Heute : Am großen Rad gedreht

Bei der Rad-WM in Stuttgart ist es zum Eklat zwischen den Organisatoren und dem Radsportverband gekommen. Wie wirkt sich das auf die Stimmung bei der Veranstaltung aus?

Am Fuß des Stuttgarter Killesbergs hängt ein Transparent: „Forza, Pippo!“ Am Sonntag wird hier die Weltmeisterschaft der Radfahrer entschieden, und Pippo ist der Spitzname des Titelverteidigers Paolo Bettini. Aber nicht alle freuen sich so sehr auf ihn wie seine aus Italien angereisten Fans. Bis vor das Landgericht ist die Stadt Stuttgart gezogen, um den Start des von Dopinggerüchten begleiteten Titelverteidigers zu verhindern. Vergeblich. Am Freitagvormittag wies das Gericht den Antrag auf den Erlass einer einstweiligen Verfügung zurück. Paolo Bettini darf also am Sonntag den Killesberg hinaufjagen, live übertragen vom ZDF. Ein zuvor erwogener Boykott des öffentlich-rechtlichen Senders ist ebenfalls vom Tisch. Das ZDF wird 45 Minuten vom Straßenrennen zeigen, 15 davon live.

Seit Mittwoch schon läuft die Weltmeisterschaft in Stuttgart, aber wer hat das schon mitbekommen? Am Freitag fanden keine Wettbewerbe statt, es war Ruhetag und zugleich der erste zumindest etwas ruhigere Tag einer Veranstaltung, deren Leitmotiv bisher das Chaos war. Erst hatte der Weltverband UCI den dopingbelasteten Spanier Alejandro Valverde ausschließen wollen, doch der setzte seinen Start vor dem Internationalen Sportgerichtshof durch. Dann gewährte die UCI Bettini das Startrecht, was wütende Proteste der WM-Stadt nach sich zog, weil der Italiener sich weigert, eine Ehrenerklärung zu unterzeichnen. Er stört sich daran, im Falle eines positiven Dopingtests ein Jahresgehalt zahlen zu müssen, und beruft sich dabei interessanterweise auf seine Menschenrechte. Außerdem ist Bettini ins Gerede gekommen, weil ihn der bei der Tour de France ertappte Dopingsünder Patrik Sinkewitz angeblich als Dopinglieferanten beschuldigt hat. Sinkewitz mag sich dazu offiziell nicht äußern.

An Bettini machen die Stuttgarter WM-Organisatoren rund um die dortige Sportbürgermeisterin Susanne Eisenmann ihre Glaubwürdigkeit fest. Sie sehen sich vom Weltverband getäuscht und verweisen auf eine Übereinkunft zum Antidopingkampf, die UCI-Präsident Pat McQuaid am 26. Juli unterschrieben hatte. In Absatz 4a heißt es dort, dass der WM-Start von Fahrern „unter konkretem Dopingverdacht“ ausgeschlossen sei. Was aber ist konkreter Dopingverdacht? Noch weicher ist die Passage formuliert, die Stuttgart gegen Bettinis Start anführt. Der relevante Absatz 4b verpflichtet die UCI lediglich, alle nationalen Verbände aufzufordern, bei allen Startern „Erklärungen mit gleichem Inhalt wie im Vorfeld der Tour de France zu verlangen“. Mit keinem Wort definiert der Vertrag Sanktionen für den Fall, dass ein Fahrer sich weigert, diese Erklärung zu unterschreiben.

Vielleicht haben es sich die Stuttgarter ein wenig zu einfach gemacht, vielleicht waren sie auch zu naiv. Das Landgericht sah jedenfalls keine rechtliche Handhabe gegen Bettinis Startrecht. Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster blieb aber bei seinem Standpunkt: „Letztlich ist die Frage nach einem Start von Paolo Bettini keine juristische, sondern eine Frage der Glaubwürdigkeit des Radsports. Die UCI muss selbst wissen, welches Signal sie mit ihrer Startgarantie für Bettini setzt.“ Und: „Ein Zeichen des Neuanfangs ist dies sicher nicht.“

Kurz nachdem das Landgericht die einstweilige Verfügung der Stadt Stuttgart zurückgewiesen hatte, stürmte Rudolf Scharping in das Pressezentrum am Killesberg. „Wir lassen uns diese Behandlung von der Stadt Stuttgart nicht bieten“, schimpfte der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR). Noch nie habe er es erlebt, dass ein Veranstalter seine eigene Veranstaltung so schlechtmache, und das nur, „um Pseudonachrichten zu produzieren“.

Dagegen bezeichnete am Freitag ein Sprecher von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) das Verhalten der Radsportverbände als „beschämend“. Auch der Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Peter Danckert (SPD), lobte das „mutige und konsequente“ Vorgehen der Stuttgarter Bürgermeisterin gegen Doping im Radsport. Der sportpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Klaus Riegert (CDU), sagte, er sei „froh, dass klar wird, wie konsequent man gegen Doping vorgehen muss“.

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