Zeitung Heute : Am Handel mit Derivaten scheiden sich die Geister

Anleger-Legende Warren Buffet und US-Notenbank-Chef Alan Greenspan beurteilen das Finanzinstrument unterschiedlich

Udo Rettberg

Teufelszeug oder Wunderwaffe? Wohl an keiner anderen Innovation der Finanzwelt scheiden sich die Geister der Fachleute so sehr wie an Derivaten. Als Warren Buffet – das Orakel von Omaha – zuletzt über Derivate sprach, horchte die Finanzwelt auf. Jene, die in diesen Finanzinstrumenten schon immer ein Teufelszeug und den Anfang vom Ende der Finanzmärkte gesehen hatten, sahen sich bestätigt – zumindest für kurze Zeit. Immerhin hatte die lebende Anleger-Legende Buffet Klartext gesprochen. Von Zeitbomben und Massenvernichtungswaffen war in seinen kritischen Kommentaren zu Derivaten die Rede.

Das Lager der Befürworter von Derivaten – also jene, die in diesen Instrumenten eine Art Wundermittel und sinnvolle Ergänzung der an den Märkten zur Verfügung stehenden Werkzeuge sehen – zog sich nach dem Angriff Buffets jedoch nur für kurze Zeit verunsichert in die Ecke.

Die Beruhigungsspritze für die Märkte verabreichte kein geringerer als Alan Greenspan, Chef der US-Notenbank (Fed). Greenspan wies auf die Vorteile und auf den Nutzen von Derivaten im modernen Risikomanagement hin. „Wenngleich die Vorteile und Kosten von Derivaten weiter das Subjekt geistiger Debatte bleiben dürften, so suggeriert die positive Entwicklung der Weltwirtschaft und des Finanzsystems während der vergangenen Jahre, dass die Vorteile von Derivaten die Kosten weit übersteigen“, sagt Greenspan.

Und so stellen sich die Anleger heute die Frage, wo denn nun wohl die Wahrheit in der Beurteilung von Derivaten liegt. Hat etwa Buffet mit seiner harschen Kritik Recht oder soll man Alan Greenspan in seiner Rolle als Fed-Chef ein besseres Urteilsvermögen zutrauen? Dieser hatte zuletzt noch einmal ausdrücklich davor gewarnt, den OTC-Derivatemärkten – und um diese ging es wohl in der Hauptsache in der Kritik von Buffet – zu starke Fesseln in Form einer spezifischen Regulierung anzulegen. Man müsse sich die Frage stellen, ob OTC-Derivate überhaupt reguliert werden müssten. In den USA sind diese Märkte bereits dadurch beaufsichtigt, dass Banken, die diese Derivate kreieren, handeln und selbst nutzen unter der Kontrolle der Bankenaufsicht stehen.

Überwachung durch die Konkurrenz

Eine stärkere Regulierung sei nicht notwendig, sagt Greenspan, da diese Derivate-Transaktionen von Profis und von Institutionen durchgeführt würden, die eine sehr gute Überwachung der Kontrahenten vornehmen würden. Der Fed-Chef hatte zuletzt allerdings immer wieder auf die Notwendigkeit hingewiesen, dass sich die Marktteilnehmer stärker mit der Funktionsweise von Derivaten vertraut machen müssten.

Doch das beruhigt die Kritiker noch längst nicht; denn nicht nur Warren Buffet, sondern auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel spricht davon, dass Derivaten unverkennbar Risiken anhaften. Dabei ist jedoch streng zu unterscheiden: Diese kritischen Aussagen bezogen sich vor allem auf jene Derivate, die zwischen den Geschäftsbanken und ihren Kunden an weitgehend wenig regulierten OTC-Märkten (also im Freiverkehr) und nicht etwa an regulierten Terminbörsen gehandelt werden.

An den organisierten Terminbörsen wird durch die angeschlossenen Clearing-Organisationen täglich das Marktrisiko eines jeden Marktteilnehmers mehr oder weniger ausgeglichen. Von der BIZ veröffentlichte Daten zeigen, dass die Akteure am Markt für Zinsswaps – dem größten außerbörslichen Derivatemarkt – in den vergangenen Monaten immer größere Risiken eingegangen sind, als die Swapsätze sowohl im US-Dollar als auch im Euro stärker als erwartet gefallen waren. Ein Zinsswap hat typischerweise bei Abschluss des Geschäfts keinen Marktwert. Wenn sich die Lage an der Zinsfront in der Folge ändert – wie das gerade im Jahr 2003 in bisher nur selten gesehenem Tempo und Ausmaß geschah –, erzielt eine Kontraktpartei Gewinne und eine andere in gleichem Ausmaß Verluste. Vor allem das sich so möglicherweise aufbauende Kreditrisiko der nur wenigen Marktteilnehmer ist Warren Buffet und auch der BIZ ein Dorn im Auge.

Mangelnde Transparenz

Da sich die von den Banken gehaltenen zahlreichen Positionen am Swapmarkt zum Teil jedoch aufheben – sie werden im so genannten Netting gegeneinander verrechnet – täuscht das ausstehende Volumen des Nominalwerts über das tatsächliche Ausmaß hinweg. Nicht zuletzt die mangelnde Transparenz der OTC-Derivatemärkte sorgt für Unbehagen. Als zentrales Problem wird die mangelnde Preistransparenz der hier gehandelten Instrumente angesehen; denn für zahlreiche dieser Instrumente werden nicht permanent Marktpreise ermittelt.

In vielen Fällen erfolgt die Bewertung der Position durch theoretische Preise auf Grund bestimmter mathematischer Modelle. Erschwerend kommt hinzu, dass die Marktteilnehmer nicht die gleichen Berechnungsmodelle verwenden.

Die zunehmende Nutzung von Derivaten in der Wirtschaft hat einen simplen Hintergrund: In einer von Deregulierung, Liberalisierung und Globalisierung geprägten Welt haben die Risiken zugenommen. Und zwar so dramatisch, dass sowohl Anleger als auch Unternehmen den Überblick verlieren. Da Risiken auf der anderen Seite stets Chancen gegenüber stehen, hat sich eine bestimmte Spezies an den Finanzmärkten darauf fokussiert, Risiken zu nehmen, um Chancen nutzen zu können.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben