Zeitung Heute : Am Text verschluckt

SANDRA LUZINA

Die Tanzkompagnie Rubato im Theater am Halleschen UferSANDRA LUZINAVon Wunden und Wundern säuselt die Stimme, freilich auch von Wind und Windeln.Wunder und Wunden - unter diesem Vorzeichen hätte man sich eine verheißungsvolle Zusammenarbeit zwischen der japanischen Schriftstellerin Yoko Tawada und der Tanzkompagnie Rubato vorstellen können.Was statt dessen im Theater am Halleschen Ufer vorgeführt wurde, ließ eher an ungelegte Eier denken."Wie der Wind im Ei", ein Auftragswerk des Steirischen Herbstes, ist eine verkrampfte Kunstanstrengung, die sich von Anfang an nur dahinquält.Körper und Text treffen aufeinander, davon verspricht man sich, wenn schon nicht Sinn, so zumindest Sinnlichkeit.Doch die vermißt man hier schmerzhaft.Der als Theaterstück bezeichnete Text wurde nicht inszeniert, die Autorin trägt ihn selber vor. Nicht erhöht, sondern versenkt wurde dafür die Autorin / Sprecherin: Ihr Kopf ragt aus einem Podest hervor, die Andeutung eines Souffleurkastens umgibt sie wie ein Heiligenschein.Fast ausdruckslos trägt Yoko Tawada den Text vor, fremd nehmen sich die Worte in ihrem Mund aus.Dem sprechenden Kopf fügen die drei Tänzerinnen ihren Körper hinzu, Figuren dürfen sie hier nicht mehr verkörpern.Der Text umkreist die Problematik des Schreibens: die Frau schreibt neun Monate lang an ihrer Autobiographie, um das Manuskript anschließend sogleich zu verbrennen; das Schreiben als Versuch, sich von sich selbst zu befreien. Viele Vorgänge werden von Yoko Tawada in Körper-Bildern beschrieben, da hätte die Inszenierung von Dieter Baumann und Ernst M.Binder ansetzen können.Da ist von Einverleiben und (Schein-)Schwangerschaft, von Bewegungen des Hineinnehmens und Heraustretens die Rede.Und von Eiern, Eierfrucht, Eierspeise.Der Eiertanz wird von Rubato dazugereicht.Die Frauen tummeln sich zwar im Vorsprachlichen, wie glückliche Hühner muten sie aber nicht an.Jede Regung wirkt bemüht, verquält, verkrampft.Die seltsame Schwesternschaft kaut, mümmelt vor sich hin, wischt sich den Mund oder bewegt stumm die Lippen.Wenn die Frauen nicht gerade verdauen, müssen sie sich verkrampfen, so als wollten sie ein Ei legen.Das wirkt oft, als hätten sie sich am Text verschluckt.Zwar hat Nietzsche im Umgang mit Texten das Wiederkäuen empfohlen, doch hier ist leider nur ein Aufstoßen von Bedeutung zu begutachten. Noch bis zum 23.November um 21 Uhr im Theater am Halleschen Ufer.

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