Zeitung Heute : Am weißen Ende der Welt

HEINZ HARTMANN

Kreuzfahrer als Eisbrecher: mit der MS "Bremen" auf ungewöhnlicher Route in die AntarktisVON HEINZ HARTMANN

Die Karten zuhause informieren einen höchst unzulänglich über die Antarktis - meist in einem Kindergartenmaßstab, demzufolge sich, auf Deutschland übertragen, die Distanz zwischen Hamburg und München auf die Breite eines Daumens reduziert.Aber was soll der Atlas schon zeigen, wenn die Gegend doch sowieso nur aus Eis besteht.Da reist kein Mensch freiwillig hin. Falsch, alles falsch.Ein paar spezielle Kreuzfahrtschiffe bringen derzeit im Jahr ungefähr 6000 Globetrotter von Argentinien aus zur "antarktischen Halbinsel".Wir haben allerdings eine noch entschieden extremere Tour vor uns, von der anderen Seite her, für die jährlich bloß 800 Plätze verfügbar sind.Denn wer sich von Neuseeland oder Tasmanien aus in den tiefen Süden aufmacht, ist dort bis zum letzten Zipfel des Ross-Meeres erst mal so weit unterwegs, als wollte er in Europa, ohne Festland dazwischen, von Genua nach Spitzbergen fahren.Das ist der Preis für ganz atemberaubende Eindrücke, aber das zieht sich dann auch hin und hin. Während man freilich hinter Spitzbergen bis hinüber zum Beringmeer nichts anderes als einen zugefrorenen Ozean erspäht, mit einer Tiefe von gut 4000 Metern unter dem Nordpol, hat dort im Süden im McMurdo Sound jede Seefahrt ein Ende: Da liegt eben ein gänzlich unbekannter Kontinent im Wege, darauf der Mount Vinson mit stolzen 5140 Metern, und der immer noch 1360 Kilometer entfernte Südpol auf seiner Eiskappe 2800 Meter hoch.Schließlich dehnt sich allein das Festland von Antarktika über 12,4 Millionen Quadratkilometer aus, womit es größer ist als Europa bis hin zum Ural.Wer hätte das gedacht. Der weiße Anfang vom Ende der Welt erscheint uns zunächst nur als heller Strich voraus, der die düsteren Wellen von den schattenhaften Konturen ferner Bergzüge und dem bleigrauen Himmel darüber trennt.Doch der Streifen wächst, breitet sich bis an den Horizont, und löst sich jählings in ein fast bedrohlich wirkendes Gemenge von dichtem Treibeis auf.Das also ist das erste Eisfeld, das uns die Strömung entgegentreibt, und dort würde die Stunde der Wahrheit für andere Schiffe schlagen, die sonst allein warme Meere befahren; bis hierher und nicht weiter, denn für Routen durch Brucheis oder gar flache Packeisplatten sind sie nie gemacht. Unsere "Bremen" schon, 1990 für 42 Millionen Dollar in Japan gebaut, 1993 von Hapag Lloyd erst gechartert und dann gekauft, 6750 Tonnen klein, diesmal mit 130 Passagieren an Bord, entworfen und konstruiert für komfortable Expeditionsfahrten in die entlegensten Winkel der Welt. Unvermeidlich naht der Zusammenstoß.Kamerabewehrte Gäste füllen die Tag und Nacht jedermann offenstehende Brücke, als wäre das ihre Privatjacht, und hängen in Trauben an den Brüstungen bis hinauf zum Helikopterdeck.Endlich beginnt der Bug durch die Schollen zu pflügen, er rempelt sie zur Seite, es dröhnt und hallt im Schiff, und plötzlich bahnen wir uns den Weg ins knirschende Eis der Antarktis hinein. Das ist ein überwältigender Augenblick.Denn neben Eisbrechern und Forschungsschiffen können sich kaum mehr als fünf oder sechs der weltweit rund zweihundert Kreuzfahrtschiffe durch Eisfelder zwängen.Für eben solche Reisen indessen erhielt die "Bremen" eine 60 Zentimeter dicke und fast drei Meter lange Bugverstärkung aus massivem Stahl.Ihre Spanten verstreben den Rumpf weit enger als sonstwo, und die Platten der Außenhaut sind 35 Millimeter dick, üblicherweise nur 10 oder 15.Der Aufwand war beabsichtigt: Dafür bekam sie bei der für die Versicherungsgesellschaften nötigen Kategorisierung die in der normalen Passagierschiffahrt höchste Note, die "Eisklasse 1A Super", sozusagen eine Eins mit Stern. Kein Problem auch, daß es hier nirgendwo einen Hafen gibt.Dafür ist unser Expeditionsschiff selbstverständlich ebenso ausgerüstet, denn was nützte es, ein halber Eisbrecher zu sein und dann an der Landschaft nur vorbeizutrödeln.Am Achterdeck stapeln sich zwölf sturmfeste Schlauchboote, und es stehen massenhaft Gummistiefel, Schwimmwesten und rote Kapuzenparkas zur Verfügung, die uns dann in schwerfällige, jedoch sämtlichen Brechern und eisigen Winden trotzende Gestalten verwandeln.Derart verpackt klettern wir gleich am Sidegate direkt in die neben winzigen Plattformen schwankenden Zodiacs, und werden nach der Ankunft an den Geröllstränden von kräftigen Armen einfach ins flache Wasser gehievt. Wir betreten Antarktika am Cape Adare, einer riesigen Kolonie von Adélie-Pinguinen und außerdem der nördlichsten Flanke des Ross-Meeres.Ein historischer Punkt: Genau dort landete im Januar 1895 erstmals ein Ruderboot an der Festlandküste des sechsten Kontinents, mit dem Norweger Carsten Borchgrevink an Bord.Er gehörte zur Mannschaft eines Schiffes auf der Suche nach neuen Walfanggründen; knapp vier Jahre später indessen kehrte er als Leiter einer wissenschaftlichen Expedition mit vorfabrizierten Holzhütten zurück, um darin zu überwintern.Eine davon haben Neuseeländer als heutzutage ältestes "Baudenkmal" der Antarktis samt der nie verrotteten Einrichtung konserviert. So haken wir Landung um Landung ab.Kapsturmvögel, Skua-Raubmöwen und Albatrosse begleiten uns.Spielende Schwertwale blasen Wasserfontänen in den Himmel.Am Cape Hallett betrachten wir die Reste einer aufgegebenen Forschungsstätte.Seelöwen robben grunzend ins Wasser.Eine Ausflugsgesellschaft von Pinguinen treibt auf einer Eisscholle vorbei.Und neben der Gerlache-Bucht zeigen uns Italiener, wie sie in ihrer erst 1985 gegründeten Station "Terra Nova" leben, einer von mittlerweile über 70 rund um Antarktika.Dann taucht östlich von Ross Island das Ross-Schelfeis auf - der britische Seefahrer Sir James Ross entdeckte das alles schon 1841 -, mit seiner unglaublichen Mündungsbreite von 600 Kilometern das mächtigste der Welt.Das ist eine monströse Gletscherzunge von der Größe Frankreichs, die wegen des Klimas dort bei ihrer Drift über die Küste hinaus nicht kalbt, sondern als schwimmende Eisplatte jahrhundertelang wächst und wächst, bis sie endlich unter ihrem Gewicht abbricht und dabei wie kleinere Schelfe die legendären antarktischen Tafeleisberge gebiert.Ihre hier über zwanzig Meter hohe Eismauer gleicht einer endlosen Front von Kreidefelsen; sie ist eines der großen Naturwunder der Welt. Nicht genug damit: Ross Island wird vom Mount Terror und dem 3780 Meter hohen Vulkan Mount Erebus überragt, der im Gegensatz zu allen anderen dort unentwegt Dampfwolken ausstößt.Und auf seiner anderen Seite, jenseits des McMurdo Sounds, steht dann eine gigantische Kette erloschener Vulkane Spalier, die vergletscherten Bergriesen der Prince Albert Mountains, die so hoch wie die Alpen aus dem Eismeer steigen.Nur noch ein paar Seemeilen bis zu zwei Stationen der USA und Neuseelands könnten wir dem Südpol näher rücken, aber der Weg dorthin ist uns vom Packeis versperrt, und der sonst während des antarktischen Sommers freigehaltene Zufahrtskanal bereits halb zugefroren.Nun weht uns doch der dramatische Hauch der Geschichte an: Während sich damals vom östlichen Ende des Ross-Schelfeises aus der Norweger Roald Amundsen auf den Weg machte, um als erster Mensch am Südpol zu sein, brach eben hier der Engländer Robert Scott auf, dasselbe Ziel vor Augen.Ihr "Wettlauf" ging in die Annalen ein, denn Amundsen erreichte ihn schließlich am 14.Dezember 1911, Scott aber erst fünf Wochen später.Und während der Norweger im Triumph heimkehrte, endete Scotts Expedition mit einer Tragödie; er und seine Gefährten kamen auf dem Rückweg um. Dort drüben, am Cape Evans, steht seine 1910 errichtete Hütte, von dort trat er nach einer Überwinterung seine Reise ohne Wiederkehr an.Auch dieses Bauwerk wird von den Neuseeländern gehütet, ein Gästebuch harrt unserer Autogramme, und daneben das originale Mobiliar mit Stühlen, Etagenbetten, Vorratskisten, Laborinstallationen, vergilbten Zeitschriften und einem toten, nie verwesten Pinguin auf dem Seziertisch. Schon unheimlich, irgendwie.Fast scheint es, als weilten die Geister der einstigen Bewohner noch immer hier am weißen Ende der Welt. TIPS ZU ANTARKTIS-REISEN Veranstalter: Die individuelle Reise in die Antarktis wird Abenteurern vorbehalten bleiben.Die organisierte Fahrt ist eher empfehlenswert.Hanseatic Tours unter dem Dach der Hapag-Lloyd Seetouristik bietet in den kommenden zwei Jahren sowohl mit der "Hanseatic", als auch mit der "Bremen" Kreuzfahrten in die Antarktis.Allerdings nicht auf der beschrieben Route, von Neuseeland, sondern von Chile beziehungsweise Argentinien aus.Preisbeispiel: Eine 14tägige Reise mit der "Bremen" ist ab 9750 Mark pro Person in der Doppelkabine zu buchen.Im Preis enthalten sind: Flug bis ins südliche Argentinien, Seereise durch die Drake-Passage zum antarktischen Kontinent, Kreuzen in Buchten sowie verschiedene Landgänge.
Seetours, soeben von der TUI an die Deutsche Seereederei, Rostock, verkaufter Seereisen-Veranstalter, bietet die Antarktis auf der "World Discoverer", einem Schiff mit vornehmlich englischsprachigem Publikum an Bord.Ohne Fluganreise kostet die neuntägige Seereise auf dem gleichen Kurs wie die "Bremen" in der Zweibett-Kabine ab 7250 Mark pro Person. Schiffe: Die modernsten Expeditionsschiffe, denen in Lloyds Register of Shipping die "Ice Class 1A Super" zuerkannt wurde, sind die "Hanseatic" (Baujahr 1993, 8400 Bruttoregistertonnen) und die "Bremen", beide bei Hapag Lloyd.
Die Pioniere auf dem Gebiet der Kreuzfahrten durch die Eismeere der Arktis und Antarktis allerdings waren die "Explorer" (Baujahr 1969, überholt 1993, 2400 BRT) und die "World Discoverer" (von 1977, 3100 BRT), seit je meist von amerikanischen Veranstaltern gechartert.
In eine andere Kategorie fallen die ehedem sowjetischen Eisbrecher und Forschungsschiffe, die seit Jahren Passagiere an Bord nehmen und damit Geld auf dem westlichen Markt verdienen.An der Spitze stehen die Schwesterschiffe "Kapitan Chlebnikov" und "Kapitan Dranitsyn", beide mit 12 300 BRT, und die mit Atomkraft betriebene "Yamal".Sie können jede nur denkbare Route befahren. © 1997 Verlag DER TAGESSPIEGEL

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