Zeitung Heute : "Am wichtigsten ist die Vermarktung"

ULRIKE MEIER

Neues aus dem Hochschul-Labor: Knapp zwanzig Arbeitsgruppen sind auf der Internationalen Funkausstellung vertretenVON ULRIKE MEIER

Wer auf der IFA zu den Hochschulen will, muß hoch hinaus.Bis in den dritten Stock schrauben sich die Rolltreppen im kahlen Treppenhaus der Halle sechs empor, ehe das Technisch-Wissenschaftliche Forum erreicht ist.Hier haben zum ersten Mal - organisiert von der TU - knapp zwanzig Hochschularbeitsgruppen aus dem ganzen Bundesgebiet auf einem Gemeinschaftsstand ein IFA-Plätzchen gefunden.Keine dröhnenden Rhythmusmaschinen wie unten in vielen Hallen, kein zuckendes Licht, keine Gartengießkannen, die in eine begierig zugreifende Menge geworfen werden wie bei Fujitsu.Nüchtern ist die Atmosphäre in der von Tageslicht durchfluteten Halle.Auf den Tischen reiht sich Computer an Computer."Hochschulen Interaktiv" ist das gemeinsame Lable der ausstellenden Akademiker. "Ohne die Einladung der Messegesesellschaft wären wir nicht hier", antwortet Michaela Kirchner auf die Frage, warum ausgerechnet eine IFA-Beteiligung.Sie organisiert bei der Wissenstransfer-Abteilung der TU (WtB) Messebeteiligungen.Nicht immer hat sie dabei soviel Glück wie bei der IFA, die selber um eine Beteiligung bat und dafür die Standgebühr erlassen hat.Erste Wahl ist die IFA für viele der Hochschulaussteller allerdings nicht, ist immer wieder zu hören.Sie locke zu wenig Fachpublikum an. Die ausstellenden Arbeitsgruppen haben zumeist ihre Chefs geschickt: Professoren, Doktoren, Projektleiter.So ist hier etwa Michael Wolff vom TU-Forschungsschwerpunkt Tubkom anzutreffen, der umtriebige Mitorganisator des gerade abgeschlossenen Virtual College.Bei dem Gemeinschaftsprojekt Berliner und Brandenburgischer Hochschulen sind Möglichkeiten des Teleteaching / Telelearning - des online-Studiums im Computernetz - erprobt worden.Um die Ansätze weiterzuentwickeln, sucht Wolff via IFA Sponsoren.Daß er sie findet, davon ist er allerdings nicht überzeugt. Sein Kollege Jürgen Kirstein vom Institut für Fachdidaktik Physik und Lehrerbildung der TU hat dagegen ganz andere Ziele.Seine Arbeitsgruppe hat eine "Interaktive Dokumentation physikalischer Experimente" entwickelt.Hinter dem sperrigen Name verbirgt sich die Idee eines "lebendigen Physikbuches".Da wird auf dem Computermonitor zum Beispiel eine Versuchsanordung dargestellt.Eine leichte Berührung mit dem Finger reicht, um Geräte zu verrücken und selbst zu experimentieren.Oder es erscheint ein Oszillograph, ein Gerät, das Schwingungen aufzeichnet.Ein Tip mit dem Finger zeigt, was sich mit jedem einzelnen der verwirrend vielen Schalter einstellen läßt.Vorteil: Kaputtgehen kann bei der Simulation nichts, und sie ist günstiger, als Geräte zu beschaffen.Die Lehre, für die das Programm geschaffen wurde, muß allerdings nicht einziger Nutznießer sein, meint Kirstein."Messgerätehersteller könnten sie zum Beispiel nutzen, um ihre ausufernden Handbücher zu ersetzen", sagt er und wartet auf Käufer aus der Wirtschaft. -Auf die wartet auch Karl Kleine von der Fachhochschule Jena.Wissenschaftlicher Austausch ist ihm zur Zeit egal.Für ihn steht fest: "Das Wichtigste ist die Vermarktung".Seine Hochschule hat gemeinsam mit der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin und anderen Kooperationspartnern die "Sozialarbeit im Cyberspace" etabliert.Damit soll die Nutzung moderner Technologien in der praktischen Sozialarbeit sowie in der Aus- und Weiterbildung unterstützt werden.Thematisch wird das die Wirtschaft kaum interessieren.Aber bei der Arbeit an dem Projekt haben die beiden Fachhochschulen ebenfalls Erfahrungen mit digitaler Lehre gesammelt, die sie nun gewinnbringend einsetzen wollen.Im vergangenen Sommersemester organisierten sie ein gemeinsames Seminar im Internet, mit dem die Studierenden sogar an beiden Hochschulen einen Schein erwerben konnten.Ermutigt durch den Erfolg, hofft Kleine nun auf der IFA Auftraggeber zu finden, die das Konzept für die Weiterbildung einsetzen.Sollte das nicht funktionieren, so ist vielleicht seine Kollegin für Jena erfolgreicher: Die Hochschule hat sie als Studienberaterin gleich mitgeschickt, um potentielle Studenten zu akquirieren. Apropos Studenten.Die trifft man bei "Hochschule Interaktiv" nicht zu oft."Verständlich", findet Michaela Kirchner."Universitätsmitarbeiter sind leichter abzuordnen", sagt sie, "und Studenten sind in den meisten Projekten sowieso nicht so weit involviert, daß sie umfassend informieren könnten." Die Studenten, die da sind, sehen das naturgemäß ganz anders."Wer soll das denn besser erklären, als wir, die wir daran arbeiten", sagt Stefan Dörle von der Uni in Kaiserslautern.Außer ihm sitzen noch zwei weitere Studenten vor der Produktpräsentation seiner Arbeitsgruppe.Sie haben "Viper" entwickelt, ein Programmpaket, das ermöglicht, individuelle Kundenwünsche im Internet dreidimensional darzustellen.So kann zum Beispiel ein Haus schon voll ausgestattet begutachtet werden, ehe es überhaupt gebaut ist.Wem die Tapete dann nicht gefällt, kann sie austauschen, noch ehe der erste Tapetenkleister an die Wand gekommen ist.Schon jetzt gibt es Kooperationspartner, darum kennt Dörle vor den Messebesuchern auch überhaupt keine Scheu."Erklären und Einwerben, das haben wir doch schon gemacht, um überhaupt Drittmittel zu bekommen", sagt er.Andererseits: "Man ist ja nicht jeden Tag als Aussteller auf einer Messe", sagt sein Kommilitone Ashraf Hamed."Da muß man sich schon etwas vorbereiten".Zumal Hamed auch eine zweite Chance wahrnehmen will."Hier sind so viele Firmen vertreten.Vielleicht findet sich da die eine oder andere, die einem nach dem Diplom einen Job anbietet." Messeorganisation der WtB -Die Wissenstransfer-Abteilung der Technischen Uni (WtB) ist nach Angaben von Mitarbeiterin Michaela Kirchner die bundesweit größte derartige Stelle.Die Abteilung Messeorganisation hat zwei feste Mitarbeiter, die bei Bedarf um freie Mitarbeiter ergänzt werden.Sie organisiert Messebeteiligungen für die TU und die Institute des "Forschungsmarktes Berlin".Das sind alle Berliner Hochschulen sowie eine Reihe weiterer Forschungseinrichtungen.Die WtB, die 12 bis 15 Messen pro Jahr organisiert, arbeitet wie eine Agentur, übernimmt die Konzeption, das Marketing, gibt Tips für Exponate und kümmert sich um die Gestaltung der Standflächen.In Zukunft will sie sich verstärkt um bundesweite Gemeinschaftsstände für Hochschulen bemühen.Klaus Dotsch, Kollege aus Kaiserslautern blickt etwas neidisch auf das Berliner Konzept."Unsere Hochschullandschaft in Rheinland-Pfalz ist ja gar nicht soviel größer", sagt er."Aber jeder muß die Messeorganisation selber machen, das heißt für die Wissenstransfer-Mitarbeiter: neben anderen Aufgaben." Gerne hätte er eine Zentralstelle wie in Berlin."Da sammelt sich Erfahrung und Professionalität", sagt Dosch."Das ist viel effektiver."

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