Zeitung Heute : Amadeus, Amadeus

Er hasste seine Geburtsstadt, sie malt sein Gesicht auf Straußeneier: Salzburg im Mozart-Wahn

Christine Lemke-Matwey[Salzburg]

Der Schnee ist schuld. 8 Grad Celsius, strahlender Sonnenschein und der ganze Zuckerguss über der barocken Zuckerbäckerkulisse, den Gieberln und Schnörkerln und Stuckerln, dieser ganze Postkartenkitschglitzertraum zerrinnt, zerfließt, versuppt. Und hinterlässt allerlei Dreck, knöcheltiefe Pfützen und wie von Titanenhand aufgetürmte Matschberge, die den engen Gassen den Rest geben. Salzburg weint, Salzburg lacht, und fast befürchtet man, die berühmte Burg schmölze mit dahin. Die nämlich mutet von Ferne auch im heißen, festspieltrunkenen Sommer an, als sei sie in Eis gehauen, ein hohläugiges Iglu: schmutzweiß, aschgrau, rabenschwarz, je nach Stand der Dinge.

Viel Schnee also, sehr viel Schnee. Und wenig Mozart, auf den ersten Blick. Was aber stellt man sich in diesen Tagen vor dem 250. Geburtstag eigentlich vor, was erwartet das eigene, längst mozartstumpfe, mozartwunde, ja mozartlose Herz? Dass einem „das Genie“, Zoten ausstoßend, schon am Bahnhof mitten ins Gesicht springt, alle Taxifahrer silberne Perücken tragen, die Lawinen, die lüstern von den Dächern lugen, hordenweise Mozartwütige unter sich begraben? Warum nicht. Wahrscheinlich wünscht man sich insgeheim nichts sehnlicher als eben jenen ultimativ krachenden Mozart-Supergau, nur um mit Mozart und Mozart-Jahr und Mozart-Merchandising ein für allemal nichts mehr zu tun haben zu müssen. Doch diesen Gefallen tut Salzburg seinen Besuchern nicht, vorerst jedenfalls.

Überhaupt: Wer war denn bis jetzt schon da? Elke Heidenreich, nun gut, diskutiert sich nächtens im Sternbräu die Bäckchen rot und röter, Andras Schiff, der Pianist, scheint vor dem Landestheater in ein Gespräch über Klappräder vertieft, Markus Hinterhäuser, der designierte Konzertchef der Festspiele ab 2007, wird im Café Bazar auf Anhieb erkannt („Ich hoffe, das macht jetzt Eindruck!?“) und ergattert, bitte sehr, bitte gleich, einen der begehrten Ecktische. All die anderen Maestri, Magister, Politiker, Potentaten, Professoren und Adabeis aber reisen erst zur Mozartwoche an, die heuer zwei Wochen lang dauert und Freitagabend mit Doris Dörries Inszenierung von „La finta giardiniera“ eröffnet wurde.

Die Oper spielt, wie der Titel schon sagt, in einem Gartencenter, zwischen Gabelstaplern, Fertigteichen und Fleisch fressenden Pflanzen, und ist ein einhelliger Erfolg. Mozart ganz harmlos-heutig-heiter, und natürlich gehen sich am Ende, von mannshohen Stiefmütterchen flankiert, die Richtigen gegenseitig an die Wäsche. Die kesse Serpetta und der frische Roberto, die Zicke Arminda und der Punker Ramiro, Violante, die Gärtnerin, und ihr triebgeschüttelter Graf Belfiore. Einzig Podestà, der Chef des Centers, hat das Nachsehen – wen schert‘s.

Mozart war 18, als er dieses Stück für München komponierte. „Sie wissen“, schreibt er wenig später an den Abbé Bullinger, „wie mir Salzburg verhasst ist!“ Als wäre die „Entführung aus dem Serail“, als wären „Figaro“ und „Così fan tutte“ – die sich in der „Gärtnerinnen“-Partitur vielfach schon regen wie die Larven exotischer Schmetterlinge – überhaupt nur ohne Salzburg denkbar gewesen.

Mozart, der Unruhegeist. Ein Drittel seines kurzen Lebens, so hat man recherchiert, war er unterwegs. Immer auf der Flucht vor der nächsten Langeweile, vor dem nächsten Salzburg, das ihm „um keinen kreutzer unterhaltung“ bot und ihn verletzte und verkannte. Eitel Freude also. Und doch lastet dieser Tage eine merkwürdig angespannte, unterstrichene Stille über der Stadt, deren „steinerner Hülle“ Stefan Zweig einst eine „Schwingung“ andichtete, „die jede Seele zum Tönen bringt“.

Die Ruhe vor dem Sturm? Salzburg im 365-Tage-Wachkoma? Oder doch nur der Schnee, die Kälte, das Tauwetter, jenes ganz und gar unitalienische Klima eben, das die Menschen samt ihrer Mozartiana in die Häuser treibt? Die Salzburger, das lernt man rasch, mögen es „gemütlich“. Kuscheln sich gern hinter die dicken Mauern, die Kastenfenster ihrer windschiefen Barockfassaden und lösen sich in Luft auf. So passiert es, dass man sich abends mutterseelenalleine wiederfindet, am Alten Markt, am Rathausplatz, in der Juden- oder der Getreidegasse. Wie ein Schauspieler, der sich im Stück geirrt hat. Allein in der perfekten Puppenstube, allein vor den unerhört karierten Auslagen der unerhört gleichgesichtigen Trachten-, Souvenir-, Unterwäscheläden und Confiserien.

So viele Dirndl und hirschhornbewehrte Janker, wie in Salzburg neuerdings verkauft werden müssen, um nur die gefühlten 250 Trachtengeschäfte der Altstadt zu ernähren, können Österreich und Japan zusammen niemals auftragen. Und das nahe Salzkammergut ist in dieser Rechnung gar nicht mit drin. In der Judengasse existieren seit acht Jahren zwei Geschäfte, die diese Seite der Stadt schlagend auf den Begriff bringen. „Easter in Salzburg“ heißt das eine, „Christmas in Salzburg“, schräg gegenüber, das andere. Das eine bietet das ganze Jahr über nur Weihnachtskugeln an – das andere nur Ostereier. Eierkartonweise, man stelle sich vor, auf zwei Etagen bis zur Decke gestapelt. Und alles handgefertigt, in Heimarbeit. Bemalte, bestickte, bestrickte, behäkelte, brokatbesetzte, kartoffelbedruckte Eier – mit geringfügig wechselnden Motiven. Das Mozart-Ei 2006 stammt vom Vogel Strauß und kostet stolze 164 Euro. Mozart mal mit langer, mal mit knubbeliger Nase, jedes Stück notgedrungen ein Original. Dafür gibt es die Hühnerei-Version von Ludwig II im Körbchen an der Kasse zum halben Preis. Solche Orte, stöhnt Markus Hinterhäuser und rauft sich die Haare, seien für ihn der „Geschäft gewordene Albtraum“. Eine Stadt entkernt sich, blutet aus. Und eine Stadt pervertiert, ja idiotisiert sich selbst.

Das also kommt dabei heraus, wenn man auf der Suche nach Mozart hinter die Salzburger Fassaden blickt? Das Warme, Gemütliche, das Einheizen und Beieinandersitzen, sagt Herbert Pöcklhofer, der Chef vom „Goldenen Hirschen“, bedeute für ihn „Heimat“. Da trifft es sich gut, dass die Amerikaner diese Gemütlichkeit mindestens ebenso schätzen. Das Salzburger Luxushotel gehört einem amerikanischen Mutterkonzern, 30 Prozent der Gäste kommen aus den Vereinigten Staaten. In ihren Augen verkörpert Pöcklhofer so etwas wie den Austrian Dream: vom Kochlehrling zum Herrn Direktor. Seit 42 Jahren arbeitet der gebürtige Salzburger im „Hirschen“, Getreidegasse 37. Mit 16 darf er Herbert von Karajan in dessen Haus in Anif zum 60. servieren (Geselchtes mit Leberknödeln und Sauerkraut), kocht sich alsbald zum Küchenchef empor und in die österreichische Spitzengastronomie hinein. Heute gilt Pöcklhofer, der sich mit den Festspielen tief verbunden fühlt und „Don Giovanni“ am liebsten in der Sauna hört, als Experte in Sachen „Essen und Trinken zu Mozarts Zeit“. Steinadler in Ribiselsoße oder Schildkröte allerdings würde er nicht anbieten, auch die legendäre Riesenpastete, der am fürsterzbischöflichen Hof einst ein ganzes Liliputaner-Orchester entsprang, dürfte etwas aus der Zeit gefallen sein.

Im leeren Frühstücksraum des „Hirschen“ laufen Strauß-Walzer in Endlosschleife, das Personal trägt froschgrüne statt ehedem militärgraue Tracht. „Wir sind total traditionell“, lacht Pöcklhofer und streicht zufrieden über die Tischdecke: echtes Bauernleinen, handbedruckt. Daneben organisiert er den Hotelbetrieb. Geh, Anna. Martin, bitt’schön.

Was Mozarts Leibspeise war? Forellen, Leberknödel mit Sauerkraut (aha, Karajan lässt grüßen). Was Salzburg für ihn ist? „Mozart, Sound of Music, der Goldene Hirsch und Nockerln“ – wie aus der Pistole geschossen. In dieser Reihenfolge? Ja. Womit so ziemlich alle Klischees versammelt wären. Ob er persönlich von Mozart etwas gelernt habe? Dass man nicht alles so furchtbar ernst nehmen sollte. Keine schlechte Antwort. Auf dem Weg hinaus strebt uns das Inhaber-Ehepaar des Trachtengeschäfts entgegen. Wie gut gelaunte Bonbons rascheln sie durchs niedrige Stiegengewölbe. Kacheln wollen sie sich anschauen im Haus. Originale aus dem 15. Jahrhundert, versteht sich.

Manchmal kommt es einem so vor, als wäre das in Salzburg so überreich vorhandene Echte und Authentische in Wahrheit ganz falsch – und das Falsche durchaus echt. Diese Diskrepanz, diese verkehrte Welt, hat der Theatermacher Robert Wilson in seiner Installation für das Mozart-Geburtshaus, Getreidegasse 9, in feine, nicht unamerikanische Visionen gekleidet. Mozart, sagen die sechs von ihm gestalteten Räume, ist immer beides: lächerlich und rührend, eindeutig und zweideutig, frisch vom Himmel gefallen und absolut irdisch. So baumelt über einem Rokoko-Kinderbettchen, mit staubig bezopfter Rokoko-(Mozart?)-Kinderpuppe darin, ein neongreller Heiligenschein. Das von Geisterhand spielende Cembalo im nächsten Zimmer wird von gestrengen, typisch hochohrigen Wilson-Stühlen bewacht, und die kleinen blauen Gänse nebenan wiederum scheinen unter rollendem Meeresrauschen gleich ganz Österreich zu fliehen. Der Geist, wenn man so will, all jener Preziosen, die sich unter ihren Schwingen an den Wänden aufs niedlichste eingemauert finden: Mozarts Perlmuttknöpfe, seine seidene Brieftasche, Haare, von denen man inzwischen weiß, dass es nicht die seinen sind, Kindergeige, Tabakdose.

Die Grenze zwischen Kitsch und Kunst, sie war in Salzburg stets ganz besonders schmal. Das gilt auch fürs Nannerl und das Pimperl, jenen lustigen Familienterrier, der – so verrät es eine historische Schießscheibe – aufs Cembalo zu springen und im Takt mitzubellen pflegte, sobald Mozarts Schwester zu spielen begann. Wilson stellt die Szene nach, mit einer Schießbudenfigur à la Mozart im Jägerkostüm, die das kläffende, wild Männchen machende Tier am Ende, piff, paff, zur Strecke bringt. In den Gesichtern der japanischen Reisegruppe spiegelt sich zaghaftes Entsetzen.

Der echte Mozart, der unechte, der wahre, der falsche? Spricht man mit zeitgenössischen Komponisten, so bezieht kaum einer aus Mozarts Musik Inspiration. Adriana Hölszky beispielsweise, die seit 2000 eine der beiden Kompositionsklassen am Salzburger Mozarteum leitet, nimmt längst kein Blatt mehr vor den Mund: „Ich mag Mozart, ja, aber Schubert war mir immer näher. Mozart ruht in sich, er ist geschlossen.“ Im Übrigen habe sich die Luft in Salzburg rechtzeitig zum Jubeljahr schon sehr „verdickt“. Ob es trotzdem etwas gibt, das sie an Mozart interessiert? Manchmal, sagt Hölszky, und ihre Diktion mutet fast noch zerbrechlicher an als sonst, da öffne sich bei ihm ein Fenster, man sehe etwas, aber dann gehe dieses Fenster auch gleich wieder zu. Der „Giovanni“ habe solche Stellen. Mozart, der Wächserne, Unfassbare.

Auch Markus Hinterhäuser hat, wie sollte es anders sein, mit der staatlich verordneten Mozart-Pflege ein Problem. Wir sitzen im Bazar, es gibt wahlweise Schinkenfleckerl oder Spinat-Tortellini, und Hinterhäuser redet sich in Rage. Ob ihm ein sinnvolles Geburtstagsgeschenk für den 27. einfiele? „Nein. Ich würde ihn einfach in Ruhe lassen. Es gibt genügend Dinge bei Mozart, die nicht dieser Art der enervierenden Anstrengung bedürfen.“ Aber musikalisch, künstlerisch, da sei es doch vieles zu entdecken. „Ach was. Die Beleuchtung Mozarts ist abgehakt: Mozart und das 21. Jahrhundert, Mozart und das 20. Jahrhundert, Mozart und afrikanische Trommelmusik. Alles nur Statistik.“ Hinterhäuser, Pianist und seit vielen Jahren Wahl-Salzburger („eine der schönsten Städte, um zurückzukommen“), holte die Festspiele in den 90er Jahren mit seinem hochgelobten Zeitfluss-Festival in die musikalische Gegenwart und wird ab Sommer 2007, wie gesagt, für die Konzerte verantwortlich sein. Und wie gedenkt dieser, unserem schwachen Mozart-Bild aufzuhelfen? Hinterhäuser verschanzt sich hinter beißenden Rauchschwaden, wird leidenschaftlich, deutlich. Mozart sei ein Weltkopf gewesen. Ihn ernst nehmen hieße, seiner Offenheit zu huldigen. „Wir bilden uns ein, diesen europäischen Geist zu feiern, und gleichzeitig macht sich eine unglaubliche Kleingeistigkeit breit. Wenn wir Mozart dazu benutzen, unsere politischen und kulturpolitischen Defizite zu bemänteln, dann wird es wirklich problematisch.“ Das jüngste Volksbegehren der FPÖ, apropos, trägt den schönen Titel „Österreich bleibt frei“ – frei von Europa. Unsere Wege trennen sich zwischen „Ostern“ und „Weihnachten“. Drüben, im neuen kleinen Festspielhaus, dem so genannten Haus für Mozart, werden ab Anfang Juni die ersten Proben stattfinden: „Figaros Hochzeit“ mit Anna Netrebko. Die Vorstellungen sind schon jetzt achtfach überbucht. Das neue Theater (Kostenpunkt: gut 29 Millionen Euro) verspricht lichter und luftiger zu werden, das Foyer spielt mit den Kurven eines Streichinstruments. Der Innenausbau liegt im Zeitplan, so heißt es, die Arbeiter machen einen fröhlichen Eindruck.

Am nächsten Morgen wird es regnen. Die eisernen Kreuze auf dem im Stil eines Campo Santo errichteten Friedhofs von St. Sebastian legen ihre weißen Hauben ab, ums Mozart-Grab verschwimmen die Fußabdrücke. Neben Constanze Mozart liegen hier angeblich auch Vater Leopold, Großmutter Euphrosina Pertl und eine Nichte beerdigt. Eine DNA-Analyse am pathologischen Institut Innsbruck sollte das Mozartjahr mit einem Paukenschlag eröffnen: Zahnmark aus dem seit 1902 im Mozarteum aufbewahrten, versteinerten „Mozart-Schädel“ wurde mit genetischem Material aus dem Familiengrab verglichen. Das Ergebnis fiel doppelt ernüchternd aus: Weder sind die in St. Sebastian exhumierten Personen mit dem Träger des Schädels verwandt, noch untereinander. Die Mozarts, so scheint es, haben ihre Spuren gründlich verwischt.

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