American Academy 2011 : Das offene Vermächtnis

Ideen sind Maxime der Erkenntnis findet Gary Smith, der Geschäftsführer der American Academy in Berlin.

Gary Smith

Diese Sonderbeilage der American Academy erscheint im Zeichen des zehnten Jahrestages des 11. Septembers. Während die langfristige Bedeutung dieses verhängnisvollen Tages noch lange diskutiert wird, offenbart die Fülle der Kommentare, wie gering die in der letzten Dekade erreichte historische Distanz ist. Die Konsequenzen waren weitreichend, aber über den Charakter der Veränderungen bestehen grundsätzliche Meinungsunterschiede. Haben sich die USA fundamental gewandelt oder erlebt die Welt vielmehr einen Paradigmenwechsel hinsichtlich der Gefährdung unserer Sicherheit durch nichtstaatliche Akteure?

Das heutige Amerika besitzt ein ernüchterndes Bewusstsein seiner Verwundbarkeit sowie der Tiefe des Ressentiments, das so verheerend unter dem Deckmantel des radikalen Islams gegen es instrumentalisiert wurde. Der 11. September war ein Tag großer Trauer und Solidarität in den USA; gleichzeitig löste ein Vortrag von Susan Sontag in Berlin eine kontroverse Diskussion auf beiden Seiten des Atlantiks aus. Den ursprünglich am 11.9. vorgesehenen Abendvortrag haben wir abgesagt, auch wenn Susan dies für „politisch unmündig“ hielt.

Zwei Abende später leitete sie eine Lesung aus „In America“ mit einer messerscharfen Polemik ein und warnte vor einer Instrumentalisierung der Tragödie. „Unsere politischen Häupter haben uns auch wissen lassen, dass sie ihre Aufgabe als Auftrag zur Manipulation begreifen: Vertrauensbildung und Management von Trauer und Leid. Politik, die Politik einer Demokratie – die Uneinigkeit und Widerspruch zur Folge hat und Offenheit fördert, ist durch Psychotherapie abgelöst worden.“

Ihr Vortrag provozierte eine Welle der Entrüstung. Gäste verließen den Raum, andere protestierten danach. Die Diskussion unter unseren amerikanischen Fellows fand kein Ende, selbst nach Susans Abreise. Er war ebenso vorausschauend wie schwer zu ertragen. Sie unterstrich die Wichtigkeit, auch einer unbehaglichen Wirklichkeit mit einem klaren historischen Bewusstsein entgegenzutreten. Für mich verdeutlicht die Zeit nach 9/11 zudem, wie wichtig es ist, die USA zu verstehen. Der anschließende Rückgang der Kooperation Europas mit den USA ist ein Verlust, den wir uns nicht leisten können. Wenn alleine der Begriff einer „humanitären Intervention“ aktuell eine solch wirre Diskussion auslöst, ist nicht nur unser historisches Gedächtnis, sondern vielmehr unser normativer Konsens gefährdet.

Die Academy beginnt ihr 14. Jahr mit einem festen Bekenntnis zum Ideal des transatlantischen Dialogs. Ideen sind Maxime der Erkenntnis, so lehrt uns Kant, und sie können nur auf dem Boden eines offenen Dialogs gedeihen. Der hier am Wannsee erlebte persönliche Austausch zeigt immer wieder, wie Ideen über ihre ursprüngliche Prämisse herauswachsen können. In unserer Zeit ist ein Ort des nachhaltigen Gesprächs und der Besinnung von größter Wichtigkeit. Denn dort wird nicht nur die Gegenwart hinterfragt, sondern auch das intellektuelle Fundament für unsere Zukunft gelegt.

Gary Smith ist Geschäftsführender

Direktor der American Academy in Berlin.

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