Zeitung Heute : Amerika, du machst es besser

WALTHER STÜTZLE

Dumm gelaufen: Die Türkei kehrt der EU den Rücken, gleichzeitig haben die USA die Chance, sich eine durchdachte Politik im Kaukasus und in Zentralasien aufzubauenVON WALTHER STÜTZLEDumm gelaufen, ließe sich in der Umgangssprache unserer Tage sagen.Im Zorn hat die Türkei der EU den Rücken gekehrt - ganz nach dem Motto des sächsischen Königs: Macht euren Dreck alleine.Auch türkischer Langmut, so ist zu vernehmen, habe einmal ein Ende und nach mehr als dreißig Jahren unerfüllter, vertraglich verbriefter europäischer Zusagen, ist Ankaras Vorrat an Geduld restlos verbraucht, der türkische Stolz sattsam gekränkt.Überhaupt sei die Position der Türkei viel zu wichtig, als daß sie sich zum Spielball von EU- Beitritts- Verhinderungs- Strategen degradieren ließe.Eine Union, die sich einbildet, den türkischen Minsterpräsidenten mit einem Abendessen beeindrucken zu können, überschätzt die Qualität mitteleuropäischer Kost und unterschätzt das Selbstwertgefühlt der Nachfahren des Osmanischen Reiches. Ja, dumm gelaufen ist die Chose wirklich - vor allem für die EU.Offenbar haben die Vorwarninstrumente der Union total versagt.Das Ausmaß türkischer Säuerniß hat die Europäer kalt erwischt.Die Annahme, die EU könnte den Zorn Ankaras zwar geahnt haben, sei aber entschlossen gewesen, Yilmaz ins Abseits zu schicken - diese Annahme unterstellt so viel außenpolitische Scharlatanerie, daß sie nicht einmal bei jenen vermutet werden sollte, die für die Politik europäischer Unehrlichkeit gegenüber Ankara verantwortlich zeichnen.Zu vermuten steht vielmehr, daß die Lenker der EU-Geschicke nicht damit gerechnet haben, daß zeitgleich mit der türkischen Abkehr vom Europakurs der Iran sich wieder für Amerika interessieren könnte.Vorerst zwar nur verbal, aber immerhin doch mit Tönen, die Washington, seinem ideologischen Vorzugsfeind, die Bereitschaft signalisieren, es vielleicht doch wieder miteinander zu versuchen.Zögerlich zwar, aber nicht wie ein Erzfeind, hat Amerika reagiert; Washington erwartet Taten, nicht nur Worte - und gibt damit zu verstehen, daß Konkretes aus Teheran mit handfestem Interesse im Weißen Haus rechnen darf. Zumindest zwei Umstände erklären ein offenes amerikanisches Ohr für Politikgeflüster aus Teheran: ein besseres iranisch-amerikanisches Klima würde den Irak weiter isolieren und zugleich Teherans Feindschaft gegenüber Israel ein Stück relativieren - was wiederum Amerikas Schutzpflicht für Isarael etwas erleichterte.Zum anderen, und weitaus wichtiger: Amerikas Zugang zu den Erdöl- und Erdgasvorkommen rund ums Kaspische Meer würde wesentlich erleichtert, denn die verheißungsvollsten Wege führen durch den Iran und die Türkei.Gelingt es Clinton, Ankaras Enttäuschung über die EU und Teherans neu erwachtes Interesse an den USA geschickt zu verknüpfen, dann gewinnen die USA einen sicheren Zugang zu den zweitwichtigsten Rohstoffreserven der Erde.Dann müßten Öl aus Aserbeidschan und turkmenisches Erdgas auf dem Weg in den Westen nicht mehr russisch kontrolliertes Territorium durchfließen, sondern könnten über Häfen an den Küsten der Türkei und des Iran verschifft werden.Anfang November, als das erste aserbeidschanische Öl aus dem Kaspischen Meer gezapft wurde, war Washingtons Energieminister Pena der wichtigste Gast unter den Gästen - und auf dem Weg nach Baku hat er natürlich einen Zwischenstop in Ankara eingelegt. Man mag es eine Ironie der Geschichte nennen: Während Amerika eine reale Chance hat, sich mit Hilfe Teherans und der Türkei eine durchdachte Politik im Kaukasus und in Zentralasien aufzubauen, sorgt eine verkorkste Türkei-Politik der EU dafür, daß Europas Zugang zu den dortigen Rohstoffquellen weiter verbaut wird.Das ist die eigentliche Gefahr - und nicht die Frage, ob Ankara der Aufnahme neuer Mitglieder in die NATO zustimmen wird oder nicht.Natürlich wird es zustimmen - vorausgesetzt, dies nützt seinem Verhältnis zu Amerika.Statt frühzeitig ein eigenes Türkei-Konzept zu entwickeln, steht die Union mit leeren Händen da.Statt Ankara eine strategische Partnerschaft anzubieten, verharrt die EU in Abwehrtaktik.Schon auf der heute beginnenden Außenministertagung der NATO werden die Europäer zu spüren bekomem, daß Washington ihre Türkei-Politik mit Verachtung straft - auch wenn Amerika bei der Wahrnehmung seiner Interessen in diesem Teil der Welt die Konkurrenz der EU gewiß nicht herbeisehnt.Dumm gelaufen für die EU, weil nicht klug vorbereitet.

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