Zeitung Heute : Amerika kann - und was will es?

ROBERT VON RIMSCHA

Amerika versucht gerade, sich darüber im Klaren zu werden, ob es einen Krieg will.Das Wollen ist dabei das entscheidende, nicht das Können.VON ROBERT VON RIMSCHA WASHINGTON.Das Wollen ist es, was zu Debatten führt - im Kongreß und im Fernsehen, in Bars und Wohnzimmern.Saddam ist in aller Munde.Was mit ihm geschehen sollte, darüber ließe sich wohl leicht Konsens herstellen.Was mit ihm geschehen wird, und ob dies einen Krieg wert ist, das ist die schwierigere Frage. Der Kongreß versichert Präsident Clinton fast täglich seiner Zustimmung zur harten Linie der Regierung.Vorbehaltlos und ohne Bauchschmerzen kommen diese Solidaritätsbekundungen freilich nicht.Vor allem unter den Republikanern wünschen viele, das Weiße Haus verführe nach der Devise "wenn schon - denn schon": wenn schon Militäroperation, dann mit dem Ziel, Saddam zu stürzen.Daß die Geduld mit dem Diktator erschöpft ist, kann dabei nicht verwundern.Daß jede rechtliche Handhabe fehlt, ist der entscheidende Umstand.Es gibt keinen Weltgerichtshof, der Saddam wegen zweimaligen Anzettelns eines Krieges und Massenmords am eigenen Volk angeklagt oder verurteilt hätte.Das "denn schon" mag ein verständlicher Impuls sein, legal wäre es nicht.Doch die Alternative ist es, die vielen nicht nur im Kongreß unangenehm aufstößt.Solo-Krieg für die UNO, Krieg ohne Alliierte zur Durchsetzung des Inspektions-Regimes? Einzelne Abgeordnete weit rechts finden, "illegitimen und willkürlichen" UNO-Mandaten Geltung zu verschaffen sei nun wirklich nicht Aufgabe Washingtons.Da treffen sie sich mit Kritikern von links, die gleichfalls die Rolle des Weltpolizisten mit globaler Verantwortung ablehnen.Amerikas Parlamentarier wollen aber vor allem eines: daß sie gehört werden.Erneut Krieg, ohne daß dies offiziell erklärt wird, und die Volksvertreter zustimmen - für die Kongreßmehrheit wäre dies eine Zumutung. Der Knackpunkt ist die Definition des Zieles.Für die UNO reicht nicht, gegen Saddam geht nicht.Das "nationale Sicherheitsinteresse" ist ein indirektes; Saddam in die Schranken zu weisen ist abstrakten, künftig-kaspischen Öl-Interessen und dem regionalen Engagement vor allem für Israel geschuldet.Die direkte Gefahr, die von Saddam ausgeht, ist Amerika schwer klarzumachen.Vor dem Golfkrieg halbierten sich die Restentwicklungszeiten irakischer Atomwaffen auf wunderbare Weise im Wochenrhythmus.Noch zehn Jahre, nein fünf, nein zwei, nein ein einziges Jahr war es, das Saddam angeblich noch brauchte, um sich selbst zur despotischen Nuklearmacht erklären zu können.So sollte nicht Kriegsstimmung geschürt werden, so sollte faktischer Krieg gerechtfertigt werden.Diesmal ist es schwieriger.Irak wird seit der Befreiung Kuweits von niemandem bezichtigt, ein internationales Netz von Terrororganisationen zu unterhalten.Daß Saddam seine künftigen A- und seine präsenten B- und C-Waffen im Köfferchen nach New York schickt, um den US-Kapitalismus lahmzulegen und Millionen zu gefährden, ist ein theoretisch zwar mögliches Szenario - es reicht aber nicht, um die Mehrheit der Amerikaner von der Notwendigkeit eines Krieges zu überzeugen. Ende dieser Woche werden die militärischen Vorbereitungen abgeschlossen sein, und die Olympischen Spiele gehen dann auch zu Ende.Dann kann es losgehen.In den 43 Tagen Golf-Luftkrieg fielen 93 000 Tonnen Bomben auf Irak.Die Planungen sind auch diesmal von tödlicher Präzision.In ein bis zwei Wochen sollen 12 000 Tonnen Bomben auf Irak niederschlagen.Und dann? Dann darf die UNO inspizieren? Es ist keine kriegsbesessene Betriebsblindheit, die es Washington schwer macht, die Frage nach dem "und dann" zu beantworten.Es ist eher die Logik der selbstgesteckten Ziele und der glaubhaft zu erhaltenden Drohungen.In einer idealen Welt gäbe es keine Kriege, und wenn es sie gäbe, dienten sie einzig und allein dem Erreichen eines Zustandes, der auf "und dann" antwortet.Zweiter Weltkrieg - und dann kein Hitler mehr.Zweiter Golfkrieg - und dann ein paar Monate lang ein Saddam, der das UNO-Inspektionsregime weniger durchtrieben piesacken kann? Bei der Güterabwägung, die die Kosten eines möglichen Krieges seinem Nutzen gegenüberstellt, muß nicht nur Washington noch entscheiden, wie schwer das Wahren des eigenen Gesichts wiegen darf.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben