Zeitung Heute : Amerika, Land der Hoffnung

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Klaviermusik jüdischer Emigranten und US-Bürger im Rathaus SchönebergGREGOR SCHMITZ-STEVENSOb als Geburtsland oder als Wahlheimat - Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, hat zahlreichen Musikern zur Entfaltung ihrer Talente verholfen.In unserem Jahrhundert waren es immer wieder jüdische Musiker, die in der amerikanischen Musikszene entscheidende Akzente setzten.Im Rahmen der diesjährigen Jüdischen Kulturtage präsentierte der Pianist Alain Brun-Cosme im Kammermusiksaal des Rathauses Schöneberg einen Querschnitt durch die amerikanische Klaviermusik der ersten Jahrhunderthälfte (weitere Konzerte heute im Saalbau Neukölln, Sonntag im Puttensaal Wedding, Montag in der Stadtbibliothek). Ernest Bloch emigrierte 1938 aus der Schweiz in die Vereinigten Staaten.Seine Klaviersonate verwendet stilistische Elemente traditioneller jüdischer Musik.Brun-Cosme hob die unregelmäßig-schwebende Rhythmik und den melancholischen Ausdruck hervor.Bloch wollte durch seinen Stil den Fluß der hebräischen Sprache nachbilden, und diese rhapsodische, fast erzählerische Sprachähnlichkeit merkte man der Interpretation genau an. Darius Milhaud floh nach der Besetzung Frankreichs in die USA.In seiner Komposition "Der siebenarmige Leuchter" thematisiert er den jüdischen Glauben.Die sieben kurzen Stücke zeichnen die Stimmung religiöser Feste nach: vom feierlich begangenen Neujahrsfest über das heitere, tänzerische Laubhüttenfest bis zum besinnlichen Passah, an dem des Auszugs aus Ägypten gedacht wird.Brun-Cosme spielte diese lebensfrohen Miniaturen als muntere, neoklassizistische Charakterstücke. Während die Emigranten Bloch und Milhaud mit Werken vorgestellt wurden, die ihre religiösen Wurzeln thematisieren, war in den Klavierstücken der gebürtigen Amerikaner Aaron Copland und George Gershwin nichts von dieser jüdischen Identität zu spüren.Dafür um so mehr vom Geiste Amerikas: Coplands "Four Piano Blues" spielte der Pianist langsam, verhalten und immer etwas traurig; Gershwins berühmte "Rhapsody in blue" schließlich erklang als virtuose Gratwanderung zwischen Sinfonik und Jazz.Brun-Cosme kämpfte tapfer mit der schwierigen Originalfassung für Klavier solo, doch so manches Detail blieb auf der Strecke.Insgesamt hätte man sich bei diesen jazz-inspirierten Werken mehr Genauigkeit, aber auch ein wenig mehr Verve und rhythmischen Schwung gewünscht.

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