Zeitung Heute : Amerika und noch mal Amerika

Philipp Lichterbeck

US-Präsident Bush trifft heute beim Amerikagipfel in Argentinien auf die Staatschefs Lateinamerikas. Was eint und was trennt die beiden amerikanischen Kontinente?

„Das Verhältnis zwischen den USA und Lateinamerika ist so schlecht wie nie seit dem Ende des Kalten Krieges“, sagt Peter Hakim, der Präsident von „Inter-Amerikanischer Dialog“, einem Washingtoner Think Tank. Das hat auch mit der Neuausrichtung der US-Außenpolitik nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zu tun. Hatte US-Präsident Bush zuvor noch von einer neuen Partnerschaft zwischen den ungleichen Nachbarn gesprochen, spielt Lateinamerika seitdem in Washington nur noch eine untergeordnete Rolle. Die USA unterstützten den Putsch gegen Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez 2002 oder lieferten Waffen in das Bürgerkriegsland Kolumbien. Als aber Argentinien Ende 2001 wirtschaftlich zusammenbrach, tat Washington wenig.

US-Diplomaten klagen darüber, dass die USA ihren Hinterhof – wie Lateinamerika in den USA mitunter genannt wird – sträflich vernachlässigten. In neun lateinamerikanischen Ländern sind in den vergangenen Jahren gemäßigte linke bis sozialistische Präsidenten gewählt worden, die aus ihrer Ablehnung der US-Politik keinen Hehl machen. Zwar haben die USA mit Zentralamerika ein Freihandelsabkommen abgeschlossen und kooperieren militärisch mit Kolumbien und Paraguay, um gegen den Drogenhandel vorzugehen.

Doch die von den USA angestrebte Gesamtamerikanische Freihandelszone (FTAA) ist am Widerstand verschiedener Länder gescheitert. Diese fürchten, dass der Freihandel und die Marktwirtschaft nach dem Vorbild der USA die sozialen Probleme noch verstärken könnte. Regierungen wie die in Chile, Argentinien, Brasilien oder Uruguay nennen einen starken Staat mit sozialen Sicherungssystemen eine unerlässliche Ergänzung der Marktwirtschaft.

Chavez hat bereits angekündigt, dass das Gipfeltreffen der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) das Aus für das Freihandelsprojekt signalisieren werde: „Ich bin sicher, dass dies ein historisches Ereignis wird, weil es die endgültige Beerdigung der FTAA markieren wird.“ US-Präsident George W. Bush dämpfte angesichts der starren Fronten Hoffnungen auf die baldige Einrichtung einer gesamtamerikanischen Freihandelszone und sprach sich für bi- und multilaterale Handelsabkommen aus.

Sein größter Gegner ist Hugo Chávez. Der provoziert die USA, beispielsweise indem er den Verkauf von Kampfjets an Kuba androht oder Armenprogramme in den USA finanziert. Allerdings weiß Chávez, dass die USA auf seine Öllieferungen angewiesen sind. Venezuela ist der fünftgrößte Erdölproduzent der Welt. Obwohl andere lateinamerikanische Präsidenten Chávez’ Konfrontationskurs mit den USA skeptisch sehen, widersprechen sie nicht. Mit Ölgeschenken wirbt Chávez für seinen Weg.

Kopfschmerzen bereitet der US-Regierung vor allem das Engagement Chinas in der Region. Der Konkurrent auf dem Weltmarkt hat in diesem Jahr 39 Handelsabkommen in Lateinamerika abgeschlossen und Investitionen von 100 Milliarden Dollar angekündigt. Chinas wichtigster Handelspartner in Südamerika ist Brasilien. Dessen Präsident Lula da Silva schwärmt schon von einer „Süd-Süd-Kooperation“.

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