Zeitung Heute : Amerikas Ally-McBeal-Politik

Der Tagesspiegel

Von Jacob Heilbrunn

Liebt Europa Präsident Bush? Schaut man die Vorbereitungen der Chaoten für Bushs Berlinbesuch an, würde man die Frage kaum mit ja beantworten können. Aber laut der jüngsten Umfragen amerikanischer Forschungsinstitute muss man zum überraschenden Ergebnis kommen, dass der Texaner doch nicht so schlecht abschneidet. Ein Drittel der Deutschen und Franzosen befürworten die internationale Politik des Präsidenten und in Italien und England ist das Verhältnis 50-50. Das ist doppelt so viel Zustimmung wie im August.

Der Grund ist einfach. Obwohl die politische Reibungen bleiben sind die Amerikaner und Europäer vereint in ihrer Angst dem Terrorismus gegenüber. Der Absturz des Flugzeugs in Mailand war ein Beispiel dafür: Sofort rief mich meine Frau an – besorgt darüber, es könnte sich um einen terroristischen Anschlag handeln. Meine Kollegen schalteten sofort CNN ein. Mir selber schien es unwahrscheinlich, aber das Sprengstoffattentat auf Djerba zeigt, dass man die Gefahren des Terrorismus auf keinen Fall unterschätzen darf. Die Gefahr des Terrorismus ist in Europa in Zukunft vielleicht noch höher als innerhalb der USA, wenn man die Zellen betrachtet, die aus Deutschland kamen.

Von Edmund Stoiber bis Jürgen Trittin ist auch breites Spektrum der Meinungen zu spüren, dass der amerikanischen Regierung sehr wohlwollend gegenübersteht. Zwar musste Stoiber erleben dass sein Treffen mit Bush nicht gefilmt werden konnte, weil die Sicherheitsvorkehrungen des Weißen Hauses nicht funktionierten – das Laufband des Röntgengeräts lief nicht, deshalb mussten die Kameras draußen bleiben.

Trotzdem strahlte Stoiber, als er einmarschierte in den Saal, in dem das Mittagessen der Konrad-Adenauer-Stiftung stattfand und der angefüllt war mit hunderten von Prominenten denen Stoiber dann seine Unterstützung für den Krieg gegen den Terrorismus bekräftigte. Immerhin darf man solche Loyalität von Stoiber erwarten. Aber wie kann es sein, dass auch Trittin in der deutschen Botschaft meinte, man sollte die Kyoto-Problematik gegenüber den USA nicht überstrapazieren? Das ist doch starker Tobak.

Das allermerkwürdigste ist, dass gerade in dieser Zeit die Kritik an Bush innerhalb der USA deutlich zunimmt. Die Stimmen mehren sich, dass er zu spät im Nahen Osten reagiert hat, dass seine Regierung konzeptlos ist und nur fähig, in Schwarz-weiß-Bildern zu denken. Aber vielleicht sieht Europa jetzt, was die Amerikaner nicht zugeben wollen: Die amerikanische Macht ist begrenzt, der Krieg zwischen Scharon und Arafat zeigt am Ende, wie hilflos die USA ist – trotz ihrer militärischen Macht. In diesem Fall kann man nicht beklagen, dass die USA zu aggressiv sind, sondern eher, dass sie zu wenig involviert sind.

Bisher versuchte die Bush-Regierung eine Ally-McBeal-Außenpolitik zu verfolgen. Einer ihrer liebsten Sätze: „Ich weiß, dass ich verrückt erscheine, aber das ist nur eine Verteidigungsstrategie." Jetzt wurde das Aus für die beliebte Fernsehserie beschlossen – und genauso beginnt es für Bushs abenteuerliche Außenpolitik zu dämmern, während ein Krieg gegen den Irak immer unwahrscheinlicher wird, solange der Israel-Konflikt weiter brennt. Aber wenn es zu weitere Terroranschläge – etwa in Europa – kommen sollte, wird der Bush-Regierung vielleicht vorgeworfen, nicht entschieden genug gegen Al Qaida vorgegangen zu sein. Frust entwickelt sich oft aus enttäuschter Liebe.

Der Autor ist Leitartikler der „Los Angeles Times“.

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