Zeitung Heute : Amerikas Liebling

Benedikt Voigt

Auf diesen Moment hatte Amerika vier Jahre lang gewartet. Nun winkte es mit den Fahnen wie mit Taschentüchern, es klatschte, jubelte, und immer wieder rief es: "Go Michelle". Michelle Kwan stand auf dem Eis und strahlte. "Ich konnte fühlen, dass Amerika hinter mir steht." Einige Zuschauer im Salt Lake Ice Center standen sogar von ihren Sitzen auf. Das kam der Eiskunstläuferin dann doch komisch vor. "Ich dachte: Moment mal, ich bin doch noch gar nicht gelaufen."

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Es ist eben eine jener Geschichten, wie sie die Amerikaner lieben. Sie begann vor vier Jahren bei den Olympischen Spielen von Nagano, als eine 17-jährige Amerikanerin Gold holen sollte und stattdessen eine 15-jährige Amerikanerin gewann. Völlig unerwartet hatte Michelle Kwan gegen Tara Lipinsky verloren, die das Programm ihres Lebens lief. Die jüngste Eiskunstlauf-Olympiasiegerin der Geschichte wandte sich dem Profigeschäft zu und versucht sich inzwischen als Schauspielerin. Michelle Kwan aber lief weiter - und gewann alles, was es in diesem Sport zu gewinnen gibt. Weltmeisterin 1998, 2000 und 2001, Amerikanische Meisterin 1998 bis 2001. Doch die Geschichte ist noch nicht rund, noch nicht komplett. Ein Titel fehlt noch. Deshalb ist sie hier.

Man könnte auch sagen, dass die Geschichte vor acht Jahren begann. Damals durfte sie als 13-jährige Ersatzläuferin nach Lillehammer fahren, kam aber nie zum Einsatz. Nancy Kerrigan und Tonya Harding liefen damals für die USA, und weil Letztere kurz zuvor Erstere mit einer Eisenstange angreifen ließ, ruhten die Augen Amerikas auf der Skandalsportart Eiskunstlaufen. Dort ruhen sie noch immer, und Michelle Kwan profitierte deshalb auch ein bisschen von dem damaligen Skandal. "Sie ist wahrscheinlich so sehr ein Rockstar, wie man es im Eislaufen nur sein kann", sagte ihr ehemaliger Trainer Frank Caroll. Kurioserweise stieg Michelle Kwan erst nach ihrer Niederlage von Nagano in der Gunst der Fans und Sponsoren nach ganz oben. Mehrere Bücher sind über sie geschrieben worden. 1999 war sie die amerikanische Athletin mit den höchsten Werbeeinnahmen. Im vergangenen Jahr kassierte sie von ihren Sponsoren zwei Millionen Dollar.

Es ist die Ausstrahlung, die Michelle Kwan so populär macht. Für jeden hat sie ein Lächeln übrig. Mit ihrem Status als Star geht Kwan unbefangen um. "Wie kommt es, dass die berühmtesten Leute nicht die glücklichsten Leute sind?", fragte sie vor den Spielen. Weil sie schon so früh in der Öffentlichkeit stand, ist sie reifer als andere in ihrem Alter. Deswegen muss sie auch immer wieder die Frage beantworten, ob sie nach diesen Spielen mit dem Eiskunstlaufen aufhöre. Kwan wundert sich: "Die Leute denken immer, ich bin 30, dabei bin ich erst 21 Jahre alt."

Sie ist Amerikas Königin der Herzen, und sie hätte auch die Königin der Spiele von Salt Lake City werden sollen. Inzwischen aber teilt sie sich diesen Titel mit der Kanadierin Jamie Sale. Seit dem Skandal im Paarlaufen tingelt Sale mit ihrem Partner David Pelletier durch die Talkshows. Am Dienstag aber übernahm Kwan wieder die Regentschaft in der Eiskunstlaufwelt. Als sie das Kurzprogramm beendet hatte, regnete es Blumen und Teddybären auf die Eisfläche. Kurz darauf schockten die Noten für die technische Darbietung die amerikanischen Fans, die Noten für den künstlerischen Wert versöhnten sie wieder: Neunmal 5,9 bedeuteten Platz eins vor ihrer Freundin und größten Konkurrentin Irina Slutskaya aus Russland.

Heute Abend wird nach dem Freien Programm die neue Olympiasiegerin gekürt. Die Geschichte der Michelle Kwan kann damit nach vier Jahren zu einem Abschluss kommen. Eigentlich kann sie nur glücklich enden. Wo sonst, wenn nicht in Amerika.

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