Amoklauf : Späte Ahnungen

"Er hat zwei Freundinnen getötet", sagte eine Frau. Ihre Fassung reicht kaum bis zum Ende des Satzes. Alle hier sind so fassungslos wie sie. Besonders, seit sie wissen: Es gab Hinweise.

Andreas Unger[Winnenden]

In einem Café in der Stadtmitte sitzt Roina Djawadi, ihr junges Gesicht ist verweint. Ihr Bruder, sagt sie, habe bis Juli die Albertville-Realschule besucht, er kannte den Täter. Ich bin hier nix wert, habe der ihm einmal gesagt. Ruhig sei er gewesen, wortkarg, habe Probleme mit sich alleine abgemacht.

Roina Djawadi spricht leise. Sie lernt gerade Krankenschwester, aber heute ist sie nicht zur Arbeit gegangen. Von einem Patienten hat sie gestern erfahren, was passiert war. "Ich habe ihm zugehört", sagt Roina, "aber ich habe ihm nicht geglaubt." Es scheint, als glaube sie es auch jetzt noch nicht. Sie wundert sich, wie wenig man die Menschen kenne, mit denen man lebt. "Wie sagt man? Stille Wasser sind tief."

Sie sagt, sie habe Angst, auf die Straße zu gehen. Vielleicht steckt irgendwo noch jemand, irgendein Freund von Tim. Sie wisse, dass das eigentlich nicht sein kann, aber das hilft ihr nicht, nachts hat sie kaum geschlafen. "Er hat zwei Freundinnen von mir erschossen", sagt Roina dann. Sie sagt es ganz sachlich, aber ihre Fassung reicht kaum bis zum Ende des Satzes.

Wenige hundert Meter entfernt, neben der Albertville-Realschule, zwischen Menschen mit geröteten Augen, steht ein junger Mann, der ein Plakat hochhält: "Gott, wo warst du?", steht darauf.

Sie sind fassungslos, die Menschen in Winnenden, sie wollen es immer noch nicht glauben. Dass dieser Junge aus ihrer Mitte, der als unauffällig galt und als still, dass er etwas plante, dass in ihm etwas gärte - wer hätte es ahnen sollen?

Doch man hätte etwas ahnen können - und diese neue Erkenntnis, die Baden-Württembergs CDU-Innenminister Heribert Rech am Donnerstagmittag verkündet, muss den Menschen in Winnenden in die Glieder fahren wie ein zweiter, ein frischer Schock: Man hätte etwas ahnen können.

Tim K. hat die psychatrische Behandlung abgebrochen

Rech tritt vor die Mikrofone, er wirkt gefasster als gestern, aber noch immer ist dem Innenminister seine innere Anspannung anzumerken. Von einer "neuen Erkenntnis" spricht er: Am Mittwochabend habe sich bei der Polizei der Vater eines 17-jährigen Jugendlichen aus Bayern gemeldet, der in der Nacht vor der Tat mit Tim K. kommuniziert hatte, in einem Internet-Chatroom. Tim K. habe dort in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch einen Eintrag hinterlassen, in dem er sich bitter über sein Leben beschwerte. Er werde von allen ausgelacht, niemand erkenne sein Potenzial. Deshalb werde er morgen früh zu seiner alten Schule gehen wolle, um dort ein Blutbad anzurichten. Er meine das ernst.

Im Lauf des gestrigen Abends wurden indessen Zweifel an dieser Version laut. Schließlich teilte die Staatsanwaltschaft Stuttgart mit, die Echtheit dieses Chat-Eintrags müsse noch endgültig überprüft werden.

Am Donnerstagmittag ist die Geschichte mit dem Internet allerdings nicht das Einzige, was Innenminister Rech vorzubringen hat. Er räuspert sich, fährt fort, es gebe da noch etwas. Man habe im Elternhaus des Täters einen Bundeswehrbescheid gefunden. Aus dem gehe hervor, dass Tim K. in psychiatrischer Behandlung war wegen Depressionen. Die Therapie sollte im Psychiatrischen Landeskrankenhaus Winnenden fortgesetzt werden. Tim K. habe die geplante Behandlung in der Klinik jedoch nicht angetreten. Ein Raunen geht durch den Raum.

Man hätte etwas ahnen können.

Wenige hundert Meter vom Tatort entfernt, auf dem Marktplatz von Winnenden, herrscht scheinbare Normalität, Donnerstag ist Markttag. Am Milchstand gibt es Thymiankäse, Menschen schauen in Schaufenster, die Müllabfuhr fährt Müll ab. Ein Junge schickt sich an, bei Rot über die Ampel zu gehen, ein alter Mann hebt mahnend den Zeigefinger, der Junge macht kehrt, lächelt, wartet. "Die Blumen verkaufen sich gut heute", sagt der Mann am Blumenstand. Und schiebt erschrocken hinterher: "Aber man will sich ja nicht am Leid bereichern."

Gestern galt er noch unauffällig

Ein paar Meter weiter trifft sich, wie an jedem Markttag, die Seniorengruppe der Arbeiterwohlfahrt, eigentlich zum Kanastern, aber heute bleiben die Karten in der Schublade. Ein knappes Dutzend älterer Herrschaften sitzt an Resopaltischen, sie suchen nach Erklärungen. Dabei war er so ein guter Tischtennisspieler, sagt einer. Und gut im Armdrücken, ein zweiter. Und ein guter Schütze, ein dritter.

Alle hier reden sie nun über Tim K., auf dem Marktplatz, bei der Arbeiterwohlfahrt, in ganz Winnenden. Und langsam entsteht - aus Polizeierkenntnissen, aus weitergetragenen Erzählungen von Bekannten und Mitschülern, sicher auch aus Gerüchten - nach und nach eine Art Täterprofil. Tim K., der stille Junge, der gestern noch als unauffällig und nett galt, dieser Tim K. hatte offenbar psychische Probleme, die seiner Umwelt keineswegs verborgen blieben.

Das Tischtennisspielen, sein großes Hobby, in dem er als Junge geglänzt hatte, soll Tim K. vor einem Jahr völlig überraschend aufgegeben haben, erzählen Freunde. Stattdessen ging er ins Fitnessstudio und machte Kraftsport. Noch lieber begleitete er seinen Vater, wenn der im Schützenverein sein reichhaltiges Waffenarsenal zum Einsatz brachte: Auch der Sohn habe sich immer mehr fürs Schießen begeistert, erzählen Bekannte, in seinem Jugendzimmer hatte er die Wände mit Softair-Pistolen dekoriert. Außerdem verbrachte Tim jetzt Stunden um Stunden vor dem Computer, die Polizei fand auf seiner Festplatte auch Gewaltspiele, allerdings "nicht in besonderem Umfang", wie es heißt.

Das Verhältnis zur Schwester war normal

Zugetragen wurde der Polizei auch, dass Tim K. einige Zeit an einem jungen Mädchen aus der Nachbarschaft interessiert gewesen war, eine Beziehung sei aber nicht zustande gekommen. Verschlossen habe Tim K. manchmal gewirkt, sagen Freunde, auch wenn er kein Einzelgänger war: Oft lud er Freunde in den Partykeller der Eltern ein, zum Biertrinken, zum Fernsehen, die Mutter servierte Häppchen, auch der Vater schaute gerne vorbei. Zu seiner 15-jährigen Schwester soll Tim K. ein normales Verhältnis gehabt haben. Seine Eltern, heißt es, hätten nach dem Bekanntwerden der Tat nur den einzigen Wunsch gehabt, ihren Sohn noch einmal zu sehen. Sie nahmen am Donnerstag in der Stuttgarter Gerichtsmedizin Abschied von ihrem Kind. Danach fuhren sie, um von der Öffentlichkeit unbehelligt zu bleiben, mit ihrer Tochter an einen geheimen Ort.

Keiner der bisher vernommenen Zeugen konnte Hinweise auf einen geplanten Amoklauf liefern. Dass Tim K. deprimiert war, wollen aber Einzelne gewusst haben. Eine zwölfjährige Schülerin, die mit dem Jungen in Kontakt stand, erzählte, Tim K. habe sich von einer bestimmten Lehrerin der Albertville-Schule gemobbt gefühlt. Wenige Wochen vor der Tat soll er außerdem seinen Eltern einen verzweifelten Brief geschrieben haben: Er sei frustriert, deprimiert, könne nicht mehr.

Man hätte etwas ahnen können.

Das "Peng-ich-schieß-dich-tot-Spiel" habe heute noch keines der Kinder gespielt, sagt Renate Haußmann, die Leiterin des Marie-Huzel-Kindergartens. Als es passierte, am Mittwoch, hätten alle fasziniert den Sirenen gelauscht, viele Mütter seien früher als sonst gekommen, um ihre Kinder abzuholen, aus Angst. Manche haben sie heute gar nicht hergeschickt. Die Kinder, sagt Haußmann, haben im Fernsehen gesehen, was passiert ist, und stellen Fragen. Warum war der so böse? Warum macht der das? Haußmann sieht die Kinder ratlos an. Ich weiß es nicht, sagt sie.

Verschwommen auch die Berichte von seinem Tod

So wenig man bisher über das Leben des Tim K. weiß, so verschwommen sind auch die Berichte von seinem Tod. Detailliert hat die Polizei zwar inzwischen rekonstruiert, dass der Amokläufer seine Beretta-Pistole 44 Mal in der Albertville-Schule abfeuerte, dass er neun weitere Schüsse vor dem Psychiatrischen Landeskrankenhaus abgab, dass er nach seiner Flucht ins 40 Kilometer entfernte Wendlingen noch 60 Mal abdrückte - und dass man 130 weitere Patronen bei ihm fand, als er tot war. Doch ob der letzte Schuss, der tödliche, tatsächlich aus Tim K.s eigener Waffe abgefeuert wurde, wie die Polizei bisher behauptet hat, das scheint unklar, seit eine Videoaufnahme des finalen Feuergefechts aufgetaucht ist.

Dort ist verschwommen zu erkennen, wie Tim K. vor eine Reihe von Autos läuft, er wirkt verwirrt, unentschlossen, nervös - aber nichts deutet auf eine Beinverletzung hin, obwohl es vonseiten der Polizei geheißen hatte, der Täter sei kurz vor seinem Tod zweimal getroffen worden, ins linke und ins rechte Bein. In der nächsten Szene lässt sich erahnen, wie Tim K. seine Pistole nachlädt - dann plötzlich ein Schuss. Tim K. bricht leblos zusammen. Polizisten eilen herbei.

Dass Tim K. sich selbst getötet hat, ist auf dem Video nicht zu erkennen. Staatsanwaltschaft und Polizei konnten sich zu diesen Widersprüchen am Donnerstag nicht äußern. Die Selbsttötung, sagt die Staatsanwaltschaft, hätten jedoch auch zwei Augenzeugen bestätigt.

Ein Krankenhaus in Stuttgart, 20 Kilometer von Winnenden entfernt. Als es passierte, erinnert sich der diensthabende Notarzt, sei er sofort ins Wartezimmer gerannt, 30 Patienten saßen da. Der Arzt erzählte ihnen, was passiert war, er sagte: Bitte, wenn es irgend geht, gehen Sie heute nach Hause.

Fast alle gingen.

Mitarbeit: Christian Tretbar

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