Zeitung Heute : Amorrr und Dolorrr

SANDRA LUZINA

Neu formiert: "Tango Pasión" in der Freien VolksbühneSANDRA LUZINAErhitzte Sinnlichkeit entzündet sich zu Leidenschaft.Herzen stehen in Flammen, das Blut gerät in Wallung.So heiß geht es bei der Show "Tango Pasión" zu, die mit veränderter Besetzung in der Freien Volksbühne gastiert. Sieben argentinische Paare ergehen sich in ausgetüftelten Balzritualen.Sie schmachten sich an, fordern sich heraus, rücken sich millimeternah auf den Leib, von der Hüfte abwärts spielt sich Unglaubliches ab.Tango - das ist ein raffiniertes Spiel um Unterwerfung, ein fiebriger Kampf, oder aber Seligkeit im Wiegeschritt, Paarakrobatik für Fortgeschrittene.Unübertroffen ist der Tango in seiner erotischen Übertreibung, seiner sexuellen Drastik - dieses Blatt wird in der Show des amerikanischen Produzenten Mel Howard ordentlich ausgereizt. Die Tänzer kokettieren mit dem Halbseidenen, sie haben sich einen Touch Verruchtheit angeschminkt, ergänzt von geckenhafter Salon-Eleganz.Ein hohes Maß an Affektiertheit gehört beim Tango einfach dazu: pomadisierte Gefühle, parfümierte Leidenschaften werden zur Schau gestellt.Als nostalgische Veranstaltung gaukelt der Abend Verläßlichkeit vor.Die Männer dürfen noch mit ihrer Männlichkeit auftrumpfen.Die Frau darf ganz Frau sein - sie weiß, was für ein Spiel gespielt wird.Die Damen gefallen sich schon mal darin, wie eine Tigerin zu fauchen."Zähme mich" scheint ein Raubtierblick unterm dunklen Pony zu bedeuten.Der Mann gefällt sich in der Pose des Dompteurs, am Ende einer Nummer sinkt die Frau dem Manne zu Füßen - anbetungswürdig, solch ein Macho! Die Tänzer vollführen flinke, abgezirkelte Bewegungen auf der Stelle, wirbeln dann rasant umeinander, werfen sich in schnelle Läufe, die dann abrupt unterbrochen werden.Den Tänzern gelingen mitreißende Nummern, doch oft wirkt der Tanz hektisch, zu aufdringlich müssen die Akteure ihre Geschicklichkeit unter Beweis stellen - da ist dann statt Affekt nur Effekt, statt Pasión nur Pose zu sehen.Das Sexteto Mayor spielte mit Verve auf, dargeboten wurden die bekannten Klassiker sowie moderne Kompositionen von Astor Piazolla. Der Tango sei ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann, so hat es einmal ein berühmter Tangodichter formuliert.Doch von Melancholie war an diesem Abend wenig zu spüren - auch wenn oft von amorrr und dolorrr gesungen wurde.

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