Zeitung Heute : Amtsantritt: Erklär mir den Bush

Malte Lehming

Manchmal verwandelt sich ein Mensch, wenn er in ein hohes Amt kommt. Seine Gestik wird sparsamer, der Tonfall bestimmter, neue Posen sollen ihn wichtig aussehen lassen. Außerdem lacht er nicht mehr über dieselben Witze wie früher. Besonders für Freunde ist das eine seltsame Erfahrung. Sie finden das Gehabe unnötig. "Sei einfach wieder du selbst", raten sie ihm dann oder: "Sei doch einfach, wie du bist." Aber wie soll einer sein, der ab morgen der mächtigste Mann der Welt ist?

Die Lippen schmal, die Mundwinkel heruntergezogen, die linke Augenbraue etwas höher als die rechte, Ansätze von Sorgen- und Zornesfalten auf der Stirn, graue Haare, relativ kleiner, leicht zur Seite gelegter Kopf, große Ohren: So haben die Amerikaner in den vergangenen vier Wochen George W. Bush gesehen. Und zwar fast täglich. Denn bei jeder Präsentation eines von ihm nominierten Kabinetts-Mitgliedes setzte er haargenau denselben Gesichtsausdruck auf. Vorher, währenddessen, hinterher. Auch seine Stimmung schien jedesmal dieselbe zu sein. Die "Washington Post" war so perplex darüber, dass sie kurz nach Weihnachten gleich fünf Bush-Porträts, aufgenommen an fünf verschiedenen Dezember-Tagen, auf einer Seite zeigte und die Frage stellte, ob der 43. Präsident der Vereinigten Staaten womöglich geklont worden sei.

Die Erklärung ist banaler: Bush übt noch. Man merkt ihm an, dass er auf keinen Fall etwas falsch machen will auf dem neuen, glatten Parkett von Washington - einer Stadt, deren Namen er mit derselben Verachtung ausspricht wie Nationalisten in Europa das Wort Brüssel. Man spürt, dass er noch nicht eins geworden ist mit seiner neuen Identität. Deshalb sieht "Dubya" (nach dem "W" im Namen, englisch "double-u") nicht staatsmännisch aus, wenn er vor die Weltpresse tritt, sondern wie einer, der gerne staatsmännisch aussehen würde. Aber ist das ein Wunder? Über so wenig politische Erfahrung wie der 54-jährige texanische Ex-Gouverneur hat seit Ewigkeiten kein neuer Chef des Weißen Hauses mehr verfügt. Sechs Jahre Texas, davon zwei Jahre Wahlkampf, fast nie im Ausland gewesen: Das ist alles, was Bush vorweisen kann. "Ich habe nicht viel von dem, was die Erfahrung in Washington so mit sich bringt", sagt sogar er selbst über sich. Ein solcher Satz - etwas flapsig, etwas ironisch - ist typisch für ihn.

Ein Mann mimt den Präsidenten

Ängstlich allerdings wirkt er nicht. Dass er jetzt Präsident ist, scheint für Bush ebenso selbstverständlich zu sein, wie es für Kinder von Professoren, Diplomaten oder Ärzten oft selbstverständlich ist, wenn sie Professor, Diplomat oder Arzt geworden sind. "Er hat eine gute Körpersprache, sehr guten Augenkontakt, an Selbstsicherheit mangelt es ihm wahrlich nicht", musste unlängst sogar ein Demokrat zugestehen, der ihm zum ersten Mal begegnet war. Bush übt zwar noch, aber seine Unsicherheit ist authentisch. Er mimt den Präsidenten, aber er macht kein Hehl daraus, dass er ihn mimt. Sein Ex-Rivale, der scheidende demokratische Vizepräsident Al Gore, hätte das an seiner statt wahrscheinlich zu vertuschen versucht. Vielleicht war das Glück deshalb nicht auf seiner Seite. Vor die Wahl gestellt - entweder klug, aber eitel, oder weniger klug, aber echt -, hat sich die Mehrheit der US-Wahlmänner und Oberrichter für die zweite Variante entschieden. Seitdem weiß Amerika endlich, wer das Land künftig regiert. Doch wer dieser Jemand ist, das weiß Amerika noch nicht.

Selbst vielen seiner Landsleute ist Bush bis heute ein Rätsel. Seine politische Laufbahn ist zu kurz, um wirklich deutbar zu sein, und im Wahlkampf hat er zwar oft gesagt, wie er regieren will - überparteilich, immer auf der Suche nach einem großen Konsens -, aber eigentlich nie, was er konkret machen will. "Wir sehen einige Ausschnitte aus einem Film, der gerade erst gedreht wird", schreibt die "New York Times". Natürlich vermuten die Dutzende von Bürgerrechtsgruppen, die acht Jahre lang vor sich hin dösten und jetzt plötzlich aufgewacht sind, das Schlimmste: Der Rüstungswettlauf wird angeheizt, die Abtreibung erschwert, die Todesstrafe noch öfter verhängt, der Umweltschutz den ökonomischen Interessen geopfert. Zum ersten Mal seit Richard Nixon wird es an diesem Sonnabend wieder Proteste geben bei der Inauguration eines Präsidenten.

Aber da sind auch Reflexe im Spiel, die nicht überbewertet werden dürfen. Die Wahrheit ist: Keiner weiß, was passiert, die Abwiegler ebensowenig wie die Alarmisten. Laut neuester Umfrage von CNN glauben 53 Prozent der Amerikaner, dass Bush ihr Land in die richtige Richtung führen wird, 72 Prozent haben Vertrauen in seine Führungskraft. Clinton und Reagan hatten bei Amtsantritt ähnlich hohe Werte.

Weil sie kaum Anhaltspunkte haben, weichen die meisten Interpreten aus und analysieren die Gestik und Sprache des neuen Präsidenten. Die Antwort auf heikle politische Fragen leitet Bush zum Beispiel gerne mit den Worten ein "my instinct is". Und wenn er besonders umstrittene Nominierungen verteidigen muss, wie etwa seine erzkonservativen Minister John Ashcroft und Gale Norton, dann lässt er sich nicht auf Inhalte ein, sondern lobt deren "gutes Herz". Auch sich selbst bezeichnet er als einen "Konservativen mit Herz". Das Herz scheint ohnehin sein bevorzugtes Organ zu sein (im Unterschied zu Bill Clinton, wie die Kommentatoren süffisant bemerken). Sein Lieblings-Philosoph sei Jesus, sagt Bush, "weil Jesus mein Herz verändert hat".

Die bis vor kurzem dominierende Erklär-mir-den-Bush-Schule zitiert am liebsten Sigmund Freud. Ihre Anhänger - dazu zählen Demokraten, Intellektuelle, Bürgerrechtler und Comedy-Show-Gagschreiber - sehen in ihm vor allem das Vatersöhnchen. Zeit seines Lebens habe der Junior versucht, in den Fußstapfen des Seniors zu laufen, habe allein von dessen Name und Einfluss profitiert. Ohne Vater kein Studium in Yale, ohne Vater nicht Mitbesitzer eines prominenten Baseball-Teams, ohne Vater kein Präsidentschaftskandidat. Die Parallelen sind in der Tat frappierend. Bis ins Detail hat der Junge den Alten imitiert, der Unterschied ist nur: Der Junge schneidet weitaus schlechter ab als das Original. Studium: Der Vater beendet die Universität mit Auszeichnung, der Sohn bleibt unteres Mittelmaß. Militärzeit: Der Vater ist ein hochdekorierter Pilot im Zweiten Weltkrieg, der Sohn fliegt ausgemusterte Maschinen bei der Texas National Guard, um nicht nach Vietnam zu müssen. Die Zeit nach dem Militär: Beide steigen ins Ölgeschäft ein, der Vater verdient Millionen, der Sohn verliert Millionen.

Was er auch tut, an sein großes Vorbild kommt der Junge nicht heran. Selbst in der Liebe nicht. Mit 20 Jahren verlobt sich der Vater in Yale mit seiner späteren Frau Barbara. Als der Sohn 20 wird, verlobt er sich ebenfalls in Yale. Doch diese Beziehung geht in die Brüche, die Hochzeit fällt aus.

Dem Vater gefallen zu wollen und immer versagt zu haben: Das muss an "Dubya" gezehrt haben. Viele Jahrzehnte später, der Vater war gerade US-Präsident geworden, will der 42-jährige Sohn unbedingt wissen, was für ihn aus dieser Präsidentschaft folgt. Also bittet er einen Berater seines Vaters, das Leben von Präsidentenkindern zu erforschen. Die 44-seitige Zusammenfassung fällt nicht gerade ermutigend aus. Nur wenige US-Präsidentenkinder waren erfolgreich, die meisten scheiterten an zu hoch gesteckten Erwartungen. Lediglich einer, John Quincy Adams, hatte es 1824 geschafft, ebenfalls Präsident zu werden. Doch zwei seiner Brüder wurden zu Alkoholikern, und einer seiner Söhne brachte sich um. John Quincy Adams regierte nur eine Legislaturperiode lang und wurde ausgerechnet von dem Mann abgelöst, der bei der vorherigen Wahl zwar die meisten Stimmen gewonnen, aber nicht die meisten Wahlmänner hinter sich gebracht hatte. Bush Junior war dermaßen erschrocken über den Bericht, dass er alle Kopien davon vernichten ließ.

Doch die Vatersöhnchen-Theorie hat einen Nachteil: Sie ist zu simpel, sie liegt so nahe, dass selbst George W. Bush mit ihr kokettieren kann. Am vergangenen Wochenende besuchte ihn ein Reporter der "New York Times" auf seiner Ranch in Crawford im Herzen von Texas. Wenige Minuten, nachdem das Interview begonnen hatte, zog Bush, der alles andere als eine Leseratte ist, eine Biographie über John Quincy Adams hervor. Die studiere er gerade, sagte Bush zu dem Reporter. "Wenn mich sowieso alle Quincy nennen, will ich wenigstens wissen, was dieser Kerl so drauf hatte." Das war wieder einer dieser typischen flapsig-ironischen Bush-Sätze.

Überhaupt, die Ranch. Wer ihn dort nie erlebt hat, der versteht ihn nicht, sagen alle, die ihn dort mal erlebt haben. Vor zwei Jahren hat sich Bush das 640 Hektar große Gelände gekauft. Crawford liegt etwa 30 Kilometer von Waco entfernt, hat exakt 661 Einwohner, eine Ampel, zwei Kirchen und eine Schule. Etwas außerhalb an einer schmalen, holprigen Landstraße wohnt Bush. Hierher zieht er sich zurück, hier tankt er auf, hier trägt er Jeans, T-Shirt und Cowboy-Stiefel. Den Tag beginnt er mit einem Sieben-Kilometer-Lauf, liest anschließend ein bisschen in der Bibel und widmet sich dann dem Tagesgeschäft. Und am Abend, wenn die Sonne untergeht, nimmt George seine Frau Laura an die Hand, und beide machen einen ausgedehnten Spaziergang.

So war es immer in den letzten zwei Jahren - und vor allem im Wahlkampf. Al Gore hat sich aufgerieben, hat 24 Stunden, sieben Tage in der Woche Wahlkampf geführt, Akten studiert und sich in Einzelheiten vertieft, George W. Bush dagegen hat zwar ebenfalls tapfer gekämpft, aber am Wochenende ist er regelmäßig auf seine Ranch gefahren und hat die Beine hoch gelegt. Dass er als etwas faul gilt, stört ihn gar nicht. Auch die hektischen, nervenaufreibenden fünf Wochen, die zwischen dem Wahltag und dem Urteil des Obersten Gerichts lagen, verbrachte Bush überwiegend in Crawford, wo er nicht einmal CNN empfangen kann. Wahrscheinlich war deshalb jeder, der ihn dort besuchte, beeindruckt von seiner inneren Ruhe.

Ausgerechnet an dem Tag, als in Florida die Nachzählung begonnen hatte, war ein Reporter-Team des "Time"-Magazins auf der Ranch. Fast stündlich verringerte sich der Abstand von Bush zu Gore, das Oberste Gericht in Washington hatte noch nicht zu Ende getagt. Es war der spannendste Tag der gesamten Wahl, und die Nation fieberte mit. George W. Bush jedoch gab sich fast aufreizend gelassen. Weder verfolgte er die Radio-Nachrichten, noch rief er seine Berater an. Als ihm am späten Abend schließlich ein Mitarbeiter telefonisch das Urteil übermittelte, scherzte Bush lediglich ein paar Minuten mit ihm und erkundigte sich nicht einmal danach, welche Richter für ihn votiert hatten. Für das "Time"-Magazin war Bush der "Mann des Jahres".

Der unterschätzte Kandidat

Dem Gegner keine Angriffsfläche bieten, ohne ein Musterknabe zu sein: Diese beiden Merkmale haben Bush ganz nach oben gebracht. Sicher, er hatte seine wilde Zeit, drei Mal saß er sogar kurz im Knast, das erste Mal, weil er im trunkenen Zustand einen Adventskranz gestohlen hatte, das zweite Mal, weil er betrunken Auto gefahren war, und das dritte Mal, weil er betrunken bei einem Football-Spiel randaliert hatte. Aber solch unpolitische Sünden verzeiht Amerika. Andere Jugendliche ließen sich die Haare lang wachsen, diskutierten über den Vietnamkrieg und hörten die Rolling Stones, doch Bush und seine Kumpel tranken lieber Bier und hörten Soul-Musik. Andere gingen auf die Barrikaden, Bush ging in die Bar. Bis zu seinem 40. Geburtstag tobte er sich gründlich aus. Seitdem trinkt er keinen Tropfen Alkohol mehr und besucht regelmäßig die Kirche.

Offen, hilfsbereit und unprätentiös: Diese drei Eigenschaften erwähnt jeder, der mit Bush längere Zeit zusammen war. Schon in Yale galt er als ausgesprochen beliebt. "Er versteht es wie kein zweiter, andere Menschen mit seinem Charme für sich einzunehmen", sagt ein ehemaliger Student aus Yale, der heute für die Demokraten arbeitet. "Der größte Fehler ist es, ihn zu unterschätzen. Das habe ich schon im Wahlkampf meinen Genossen eingehämmert."

Genützt hat es nichts. Bis zuletzt wurde Bush von den Demokraten unterschätzt. Dabei entbehrte das Leichtgewicht-Image, das den Texaner umgab, jeglicher Grundlage. Bush hatte die größte Wahlspendenmaschine in der Geschichte des Landes aufgebaut, hatte sich die Nominierung der Republikaner gesichert, seine Umfragewerte stiegen unaufhörlich. Und am Ende vollbrachte er dann ein kleines Wunder: Der belächelte, tollpatschige Südstaatler setzte sich gegen den Vizepräsidenten einer Regierung durch, die praktisch für Vollbeschäftigung gesorgt und dem Land einen 116-monatigen Aufschwung beschert hatte.

Loyal, diskret und nicht allzu intellektuell: Das wiederum sind die drei Eigenschaften, die Bush von seinen Mitarbeitern erwartet. Denn der neue Präsident hasst es wie kaum etwas anderes, von einer Entwicklung überrascht zu werden. Deswegen mussten sich alle Minister-Kandidaten, bevor sie von ihm offiziell nominiert wurden, einer ungewöhnlichen Prozedur unterziehen. Jeder einzelne wurde in einen leeren Raum geführt, keine Kameras, keine Kassettenrekorder, und dort von einem Rechtsanwalt auf seine Vergangenheit befragt. Gab es da irgend etwas Unangenehmes, das später ans Licht kommen könnte? Gab es irgend etwas, worüber Bush rechtzeitig Bescheid wissen sollte? Natürlich werden die Ergebnisse dieser Befragung ebenso geheim gehalten wie die Identität des Rechtsanwalts.

Eine der wenigen Biografien, die es über ihn gibt, heißt "The Short but Happy Political Life of George W. Bush". Eine der Autorinnen, Molly Ivins, ist zwar überzeugte Demokratin, empfindet aber durchaus Respekt für Bush. Der sei weder blöd, noch gefährlich, wie es in Intellektuellen-Kreisen heiße. Im Gegenteil: "Bush ist ein aufrechter Mensch, und er lernt ungeheuer schnell." Nur weil Eloquenz und Bildung fehlten, solle man sich nicht täuschen lassen. Er verfüge über ein herausragendes Talent, sich mit den richtigen Leuten zu umgeben und im richtigen Moment auf sie zu hören.

Die Amerikaner sind verwöhnt: Ronald Reagan und Bill Clinton waren Rhetoriker, Populisten, Vollblutpolitiker. Weder Bush senior noch Bush junior können in dieser Beziehung mithalten. Aber sie bringen, jeder auf seine Weise, andere Begabungen mit. Während der Amtszeit des Vaters ist immerhin der Eiserne Vorhang gefallen, Deutschland vereinigt worden, wurde der Golfkrieg gewonnen und der Nahost-Friedensprozess eingeleitet. Das ist, für vier Jahre, kein schlechtes Resümee.

"Einige Menschen halten Sie intellektuell für etwas uninteressant", wurde dem Sohn vor kurzem ins Gesicht gesagt. "Yeah, ich weiß", entgegnete der so ruhig, als hätte ihn jemand nach der Uhrzeit gefragt. "Aber ich glaube, es gibt einen Unterschied zwischen neugierigen und überheblichen Menschen. Ich bewundere jeden, der wissbegierig ist, aber ich verachte Menschen, die glauben, dass sie klüger sind als andere. Sehen Sie, es gibt viel Weisheit hier draußen in Crawford. Das ist keine Bücher-Weisheit, sondern praktische Weisheit. Und beides ist gleich wichtig."

Das war die klügste Antwort, die einer geben kann, der nicht auf die Weise klug ist, wie manche es gerne hätten. George W. Bush übt noch, so ganz scheint er sein neues Leben selbst noch nicht fassen zu können. Aber der Film, von dem es bislang nur Ausschnitte zu sehen gab, fängt ja auch gerade erst an.

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