Zeitung Heute : An den Rand gedrängt
17.11.2011 19:47 UhrLothar König ist ein Mann des Wortes, ein Pfarrer. Es musste einiges passieren, bis er Wörter für zu schwach erachtete, für wirkungslos, bis er zu der Überzeugung kam, dass man mit Neonazis nicht reden kann.
Als seine Tochter an einem Abend im Sommer 1993 mit einer klaffenden Wunde im Gesicht vor ihm stand, war es soweit. Vier Jugendliche aus der rechten Szene in Jena hatten Katharina König aufgelauert. Als sie den Club verließ, den der Vater im Zentrum der Stadt für junge Leute eingerichtet hatte, wurde sie mit einem Baseballschläger verprügelt. Da war sie 15 Jahre alt.
Bis zu jenem Vorfall hatte der Vater geglaubt, man könne mit den rechten Jugendlichen reden.
Er organisierte 1992 sogar ein Fußballspielzwischen den jungen Menschen, die sich in seinem Club Junge Gemeinde Stadtmitte trafen, und den Rechten. Er setzte sich mit beiden Gruppen zusammen, moderierte, als sie darüber stritten, welche Musik aufgelegt wird. Es lief gut. Es gab auch noch ein Rückspiel.
Anfang der 90er Jahre wurden rechtsextreme Jugendliche in Jena ein Problem. Es hatte sie zwar auch schon in der DDR gegeben, aber nun wurden sie unübersehbar, wie überall im Osten. 1991 kam es zu Ausschreitungen in Hoyerswerda, im Jahr darauf in Rostock-Lichtenhagen. Was konnte man dagegen tun? Die meisten Menschen waren davon überzeugt, dass man die Rechtsradikalen nicht ausgrenzen dürfe. Man versuchte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Die Jugendclubs der Stadt hießen sie willkommen. Die Sozialarbeiter wollten ihnen den Hass gegen alles Fremde ausreden. So dachte auch Lothar König: „Das waren damals keine gereiften Personen. Das waren vaterlose Kinder“, sagt er. „Ich dachte, die seien einfach ein bisschen vom Weg abgekommen. Ich dachte nicht, dass das echte Nazis waren.“ Er will rechtfertigen, dass er die Gefahr, die von der Szene ausging, zunächst unterschätzte.
Aus der Gruppe, die seiner Tochter das Gesicht zerschlug, ging eine rechtsextreme Terrorzelle hervor: Uwe B., Uwe M. und Beate Z., heute bekannt als das Nazi-Trio von Jena. Sie haben, wie man jetzt weiß, das ganze Land mit rassistisch motivierten Morden überzogen, wurden dabei vielleicht sogar vom Verfassungsschutz Thüringens unterstützt, eine Staatsaffäre ist daraus geworden – und auch aus der ganzen rechtsradikalen Szene der Region.
Lothar König sitzt in seinem Club im Parterre eines leerstehenden Haus. Der etwas ranzige Raum ist seit 20 Jahren eine Bastion gegen die Aggression. König wurde in dieser Zeit eine wichtige Persönlichkeit im Kampf gegen die Rechten. Heute gilt er als kompromisslos. Die Polizei wirft ihm vor, auf einer Demo gegen Neonazis in Dresden zu Gewalt aufgerufen zu haben.
„Als die DDR verschwand, blieb ein riesiges Vakuum zurück: Die gesamte gesellschaftliche Struktur war zusammengebrochen, die jungen Leute fanden keinen Halt und keine erwachsenen Vorbilder“, sagt er. Die linke Szene? Sie war mit der DDR verknüpft. Die Lehrer? Bis vor kurzem hatten sie noch das sozialistische System verteidigt, jetzt predigten sie Demokratie. Die Eltern? Oft hatten sie nach der Wende ihre Arbeitsstelle verloren, wussten selbst nicht, wie sie mit der neuen Situation umgehen sollten. Aus der Orientierungslosigkeit der Jugendlichen wurde Wut, die sie an Schwächeren ausließen.
In diese Situation hinein stießen die rechten Gruppierungen vor. Für viele junge Schläger war deren Ideologie sehr verführerisch, „denn sie rechtfertigte Wut und die Gewalt gegen Andersdenkende“, sagt König. Vielleicht hätten sie noch bekehrt werden können, wenn kluge Menschen starke Ansagen gemacht hätten, sagt er auch.
Aber wieso hat er selbst die nicht geliefert? König hat keine Antwort, er schüttelt den Kopf. Für ihn war im Sommer 1993 Schluss, nach der Attacke auf seine Tochter. Da gab er die Nazis auf, da hatte er keine Worte mehr für sie. Seither gilt für ihn: Man muss gegen Rechtsextremisten kämpfen
„Es war da schon keine Jugendbewegung mehr. Die organisierten sich, versuchten das Image der grölenden Jugendlichen hinter sich zu lassen“, sagt er. Er begann, in der Jungen Gemeinde die rechte Gewalt in Jena zu dokumentieren. Die Zeitungsausschnitte über Überfälle, Demonstrationen füllen heute dicke Aktenordner. Und immer wenn die Rechten eine Veranstaltung ankündigten, organisierte er mit Mitstreitern eine Gegendemonstration.
Katharina König ist von jenem Überfall im Jahr 1993 eine feine Narbe unterm linken Auge geblieben. Jeden Morgen überdeckt sie diese sorgfältig mit Make-Up.
„Die haben uns damals richtig gejagt“, erzählt sie. „Keiner verließ den Club nachts mehr alleine.“ Sie sitzt im Büro der Linken-Fraktion im Thüringer Landtag in Erfurt, deren Mitglied sie ist. Katharina König ging 2004 in die Politik. Das war zuerst nicht ernst gemeint, sie und ein paar andere aus der Jungen Gemeinde Stadtmitte um ihren Vater wollten Aufmerksamkeit erregen. König ist geblieben. Vor ihrem Büro im Landtag liegt ein Fußabstreifer mit einem durchgestrichenen Hakenkreuz. Ihr Thema ist der Kampf gegen Neonazis.
Als sie vor zwei Wochen hörte, wer hinter dem Terrortrio steckt, dachte sie, „ach du Scheiße!“ Sie kannte die drei aus ihrer Jugend, sie sah sie oft gemeinsam mit den vier Jungs, die sie damals mit dem Baseballschläger verprügelt hatten. Vom Professorensohn Uwe M. sei sie, sagt sie, einmal fast überfahren worden. Die Angst, die sie in jener Zeit hatte, kam wieder hoch.
Katharina König und ihr Vater zeigten 1993 den Überfall an. Die Polizei nahm den Fall auf, „aber die sagten, das seien normale Prügeleien von rivalisierenden Jugendbanden“, sagt Lothar König. Als er immer wieder Übergriffe vor seinem Club in der Stadtmitte meldete, hieß es, er schaffe ein künstliches Feindbild, um sich wichtig zu machen. Man warf den Jugendlichen in seinem Club vor, an der Gewalt schuld zu sein. „Die haben zu uns gesagt: Ihr schlagt doch auch zu.“
Heute muss sich keiner mehr fürchten, wenn er abends den Club der Jungen Gemeinde Stadtmitte verlässt. Lothar König, seine Tochter und viele andere haben die Neonazis mittlerweile an den Stadtrand gedrängt. Dort steht das sogenannte braune Haus, seit 2006 ist es Jenas Nazitreffpunkt. Das alte Fachwerkhaus gilt als einsturzgefährdet und wurde versiegelt, aber es hat ein Grundstück, das die Nazis weiterhin nutzen.
Im Club Junge Gemeinde Stadtmitte treffen sich auch an diesem Mittwochmorgen Studenten, sie reden und werten dabei Zeitungen aus, auf der Suche nach Artikeln über rechte Gewalt.
„Wir müssten auf diese Ungeheuerlichkeiten doch irgendwie reagieren“, sagt einer, während er eine Zeitung zerlegt.
„Wir könnten zum Beispiel das braune Haus umstellen“, schlägt ein anderer vor.
„Oder eine Mahnwache für die Opfer organisieren“, sagt ein dritter.
„Mahnwachen, Lichterketten – halte ich nicht für sinnvoll“, nuschelt Lothar König in seinen dicken grauen Bart. „Das würde ja so wirken, als wären wir erst jetzt aufgewacht. Aber wir haben immer schon vor den Rechten gewarnt.“
Schon 1998, als die drei Terroristen abtauchten, nachdem eine Bombenwerkstatt in ihrer Garage gefunden wurde, diskutierten sie im Club oft die Frage, wie das angehen konnte. Die Umstände der Flucht waren einfach zu abenteuerlich. Sie glaubten, die Polizei stecke mit denen unter einer Decke. Und wieso wurden die drei in den Jahren danach nie gefunden? Die konnten doch nicht weit weg sein. „Die waren ideologisch gefestigt. Natürlich waren die nicht in Südfrankreich und bestellten ein Weingut“, sagt Katharina König.
Über das Ausmaß des nun bekannt gewordenen Terrors ist sie erschüttert, aber sie sagt, sie habe immer gewusst, „dass die fähig sind, Menschen zu töten.“
Dass Nazi-Terroristen aus der Jenaer rechten Szene der 90er Jahre stammen, verwundert auch den Gewerkschafter Christoph Ellinghaus nicht. Er sitzt in seinem Büro der IG Metall, nur ein paar Schritte von Lothar Königs Jugendclub entfernt. Auch er kämpft seit den 90er Jahren gegen die Rechtsextremisten in Thüringen. Zusammen mit Lothar und Katharina König blockierte er immer wieder Veranstaltungen der Neonazis. Er veröffentlichte Broschüren, in denen er Verbindungen aufzeigt zwischen den Extremisten und dem Verfassungsschutz. 1999 klagte er etwa in einem Informationsblatt mit dem Titel „Nicht vom Himmel gefallen“ an, der Verfassungsschutz habe die rechte Szene mitfinanziert, indem er V-Männer bezahlte.
Uwe M. und Uwe B. kennt er seit 1996. Damals war Ellinghaus der Hauptbelastungszeuge in einem Prozess gegen den Holocaustleugner Manfred Roeder, der einen Anschlag gegen die Ausstellung „Die Verbrechen der Wehrmacht“ in Erfurt verübt hatte. Ellinghaus war während des Anschlags als Aufseher in dem Raum gewesen. Im Gerichtssaal drohten ihm M. und B., versuchten ihn einzuschüchtern. Und sie hielten Schilder in die Höhe, auf denen stand „Unsere Großväter waren keine Verbrecher.“
Immer wieder wurde Ellinghaus später in Erfurt, wo er damals wohnte, nachts überfallen, zusammengeschlagen. Auch er sagt, er sei nicht ernst genommen worden, wenn er zur Polizei ging.
Mittlerweile lebt Christoph Ellinghaus in Jena, er fühlt sich sehr wohl. „Die Menschen sind durch unsere Aktionen für die rechte Gewalt sensibilisiert“, sagt er. „Jena ist ein Symbol dafür, dass es nicht weiterhilft, wenn man Neonazis ignoriert.“ Es habe einen Grund, dass die drei Neonazis in Zwickau untergetaucht waren und nicht in Jena geblieben sind.
Auch Ellinghaus diskutiert seit ein paar Tagen mit Bekannten und Freunden darüber, wie man auf die gesellschaftliche Debatte reagieren soll, die die Entdeckung des rechtsradikalen Terrorzelle ausgelöst hat. Er sucht nach einer angemessenen Reaktion. Auch Ellinghaus hält nicht viel von einer Mahnwache oder einer Lichterkette. „Wir treffen uns jeden Monat und sprechen über Aktionen gegen rechte Gewalt“, sagt er. „Es wäre ein falsches Signal, jetzt auf Betroffenheit zu setzen.“
Wie auch Lothar König bekommt er täglich Anfragen von der Presse, endlich interessiert sich jemand für seine Aufsätze und die Broschüren. „Das erste Mal bekommen wir, die gegen Neonazis kämpfen, so viel Aufmerksamkeit“, sagt Ellinghaus. „Bisher wurden wir im besten Fall ignoriert oder als Spinner abgetan. Oft wurden wir aber auch als Linksextreme selbst verfolgt.“ Nun sei endlich klar, dass die rechtsradikale Szene nicht ernst genug genommen wurde. Endlich würden die Fragen diskutiert, die er und die Königs und viele andere schon seit Jahren stellen: Ist der Verfassungsschutz mit der rechten Szene verbunden? Sind V-Männer nötig? Brauchen wir überhaupt einen Geheimdienst?
„So schrecklich die Vorfälle sind“, sagt Ellinghaus. „Es ist auch eine Chance, dass sich etwas ändert in der Gesellschaft. Dass klar wird, dass Rechtsextremismus gefährlich ist“, und nicht diejenigen, die gegen ihn kämpfen. Für heute ist nun doch eine Mahnwache geplant. Ellinghaus will die Chance nicht verpassen.








