Zeitung Heute : An der Bar hocken

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Berlins Spielplätze sind in einem miserablen Zustand. Überall blättert die Farbe, das Holz verwittert, Schaukeln und Rutschen setzen Rost an, den Rest besorgen Vandalen, die sich auf den Plätzen austoben. Die Bezirke sehen dem Verfall mit leeren Händen zu, für die Instandhaltung oder gar Neuanschaffungen fehlt das Geld. Im schlimmsten Fall werden die ruinösen Spielgeräte zum Sicherheitsrisiko.

Emmas Waghalsigkeit bleibt von diesen Gefahren völlig ungebremst. Mit 19 Monaten erklimmt sie die höchsten Rutschen und stürzt sich – frei von jedem Risikobewusstsein – ins Ungewisse. Und nach jeder Rutschpartie hebt sie ihr schmutziges Gesicht entschlossen aus dem Sand und fordert: „Nochmal!“

Das kindliche Vergnügen scheint also bisher ungetrübt vom Zustand der Spielplätze. Und demografisch gesehen löst sich das Problem auf lange Sicht ohnehin von allein, weil Kinder in diesem Land bekanntlich zu einer aussterbenden Art gehören. Dennoch gibt es Anlass zur Sorge. Seit kurzem hat Emma nämlich ein neues Spielgerät entdeckt: den Barhocker. Auf dem Weg zu unserem Stammspielplatz in der Kreuzberger Grimmstraße waren wir ein paar Mal zusammen in meiner Stammkneipe. Neuerdings gehört der Abstecher ins Rizz für Emma zum Pflichtprogramm, ist genauso wichtig wie der Spielplatz-Besuch. Der Platz an der Theke hat es ihr besonders angetan. Kaum sind wir in der Kneipe, erprobt sie ihre Kletterkünste am Hocker. Oben angekommen, überwacht sie die Zubereitung ihrer Apfelsaftschorle, die sie im Stehen trinkt – ein gutes Training für den Gleichgewichtssinn.

Die Kneipe als Alternative zum Spielplatz, besonders bei schlechtem Wetter? Eine gefährliche Tendenz; denn bei der Apfelsaftschorle ist Emma nur einen Zapfhahn vom Kölsch entfernt. Es wird höchste Zeit, dass sich auf den 1800 Spielplätzen der Stadt etwas tut.

Für die Instandsetzung der Berliner Spielplätze will der Schulmilch-Lieferant Campina jetzt 50000 Euro spendieren. Vorschläge für Verbesserungen können bis zum 31. Juli unter www.campina.de oder per Post an Campina Milchprodukte, Kennwort „Spielplatzpromotion“, An den Kanitzen 7, 04910 Elsterwerda, eingereicht werden. Eine Jury entscheidet, welche Spielplätze bei der Aktion erneuert werden.

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