Zeitung Heute : An der Grenze

Die Hilfsorganisationen sind vorbereitet: auf 600000 Kriegsflüchtlinge. Bisher sind nur wenige in den Lagern angekommen – auch weil irakische Behörden es verhindern. Viele Menschen bleiben in ihrer Heimat und hoffen, dass sie die Angriffe überleben. Aber je länger der Krieg dauert, desto aussichtsloser wird ihre Lage.

Jan Dirk Herbermann[Genf]

Während in der südirakischen Metropole Basra eine humanitäre Katastrophe heraufzieht, richtet sich das Flüchtlingshilfswerk UNHCR auch an den Grenzen des Zweistromlandes auf das Schlimmste ein. Noch allerdings lastet eine gespannte Ruhe auf den Helfern, die in den Anrainerstaaten einen Notfallplan für 600000 Flüchtlinge umsetzen. „Bislang hat es keine substanziellen Bewegungen von Flüchtlingen über die Grenzen gegeben“, sagte UNHCR-Sprecher Kris Janowski am Dienstag am Sitz der Organisation in Genf. Nach UNHCR-Informationen verließen allerdings in den vergangenen Tagen 22000 Iraker ihr Zuhause. Der Treck setzte sich in Richtung der irakischen Stadt Nowsud in Bewegung.

Nowsud liegt nahe der iranischen Grenzprovinz Kurdistan. Da die Gestrandeten sich noch auf irakischem Territorium befinden, handelt es sich um Vertriebene. Erst wenn sie die Grenze überqueren, fallen sie in die Obhut des UNHCR: Aus Vertriebenen werden dann Flüchtlinge. „Noch ist jedoch niemand im Iran eingetroffen“, sagte Janowski. Auch das UN-Welternährungsprogramm meldet rund 5000 „Personen“, die im Norden des Iraks umherirren. Wie viele Männer, Frauen und Kinder insgesamt im Staat Saddam Husseins auf der Flucht sind, lässt sich nicht bestimmen. Bei den Flüchtlingen handele es sich „vermutlich“ um Kurden, die ihre Heimat vorsichtshalber verlassen hätten. Derzeit hätten sie offenbar nicht die Absicht, nach Iran einzureisen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) meldete, an der Grenze warteten zurzeit auch mehr als hundert Gastarbeiter auf eine Genehmigung, den Irak verlassen zu dürfen. Die irakischen Behörden unterbinden angeblich Fluchtversuche der Bevölkerung, wie eine Augenzeugin in Jordanien berichtete.

Eine 70-jährige Libanesin erzählte Mitarbeitern von Hilfsorganisationen, sie habe ohne ihren Mann und die Kinder aus Bagdad fliehen müssen, weil die Behörden die anderen Familienmitglieder an der Ausreise gehindert hätten. Der Bericht könnte Thesen des UNHCR untermauern. Der Sprecher des UN-Hilfswerks in Jordanien, Sten Bronee, hatte am Montag gesagt, trotz der teils heftigen Bombardements und Kämpfe im Irak seien an der Grenze zu Jordanien noch keine Flüchtlinge angekommen. Möglicherweise seien die Kämpfe der Grund dafür, oder die Behörden verhinderten Fluchtversuche der Menschen.

In den iranischen Lagern an der Grenze zum Irak sind die Vorbereitungen für den erwarteten Zustrom an Flüchtlingen im Gange. In vier der zehn Camps arbeiten die lokalen Behörden und das UNHCR Hand in Hand. Die russische Hilfsorganisation Emercon lieferte 150 Tonnen Versorgungsgüter in das Nachbarland: Zelte, Kocher, Wasserfilter, Decken, Seife und getrocknete Lebensmittel. In der Türkei beobachten drei mobile UNHCR-Einheiten die Grenze zum Kriegsland Irak. Laut Janowski haben sich bisher „keine Iraker der Grenzlinie zwischen den beiden Staaten genähert“.

Warum blieb bisher ein Massenexodus aus? „Wir erinnern uns an den letzten Golfkrieg von 1991. Damals brach erst nach dem Ende der Kämpfe ein riesiger Flüchtlingsstrom auf uns herein“, sagt Janowski. „Auf jeden Fall sind wir vorbereitet.“ Zudem weisen UN-Mitarbeiter in der Krisenregion auf die kollabierende irakische Wirtschaft hin. „Viele Menschen haben einfach nicht die Mittel, ihre Heimat zu verlassen“, sagt UNHCR- Mitarbeiter Peter Kessler in Amman. Aber auch die Angst spielt eine Rolle: Wer will sich schon schutzlos einem mörderischen Geschoss- und Bombenhagel aussetzen, um ein anderes Land zu erreichen? „Vielleicht warten die Menschen einfach in ihren Häusern ab, bis der Frieden kommt“, resümiert Kessler. Eine Antwort, die die ganze Hilflosigkeit der Helfer offenbart.

Was aber, wenn der Krieg weiter eskaliert und die Iraker ihr vermeintlich reich bestücktes Chemie- und Biowaffenarsenal einsetzen? Für diesen Fall rechnet das UNHCR mit mehreren Millionen Flüchtlingen. „Falls aber niemand kommt, brauchen wir natürlich auch nicht das eingetroffene Spendengeld auszugeben“, sagt Janowski. Für Verpflegung und Unterkunft der Opfer plant das UNHCR aktuell eine Summe von 60 Millionen US-Dollar monatlich ein. Bislang konnten nur 25 Millionen Dollar gesammelt werden. Sobald jedoch das Elend Hunderttausender Flüchtlinge in den Wohnstuben der reichen Länder auf dem Bildschirm prangt, dürfte die Spendenbereitschaft rasch steigen. Janowski: „Wir nennen das den CNN-Effekt.“

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