Zeitung Heute : An der Grenze

Sie verhafteten den Mann, den Ahmed gerade operierte Menschen aus Syrien, die sich in den Libanon retten, gelten dort als Gast – nicht als Flüchtling. Es gibt keine Lager, keine Hilfsaktionen. Von ihren Versuchen, trotzdem durchzuhalten.

Erst mal sicher.
Erst mal sicher.Foto: Carsten Stormer

Im Flur des Krankenhauses scheint fahles Neonlicht auf den Flur. Doktor Ahmed bleibt stehen. Wer ist als Nächstes dran? Zimmer 532 oder 533. Er steht und schaut erschöpft hin und her zwischen den Türen.

In Zimmer 532 liegt Ghafran Koukaz, 13 Jahre alt. Ihr Vorname bedeutet Erbarmen, aber den kannte der Scharfschütze nicht, der aus einem Versteck heraus so auf das Mädchen zielte, dass die Kugel ihr den Oberschenkel durchschlug und die Nerven durchtrennte. Nebenan in Zimmer 533 liegt Hassan, 22, der auf eine Landmine trat. Doktor Ahmeds Blick bleibt links hängen. Erst das Mädchen.

Ein rosaroter Teddybär steht umringt von Tablettenschachteln auf dem Nachttisch neben ihrem Bett. Ghafran schläft, neben ihrem Bett wacht ihre Mutter. Doktor Ahmed streicht dem Kind durchs Haar und geht ins Zimmer nebenan.

Der Chirurg verwaltet die Leiden von 37 syrischen Verwundeten in einem Krankenhaus am trostlosen Rand der nordlibanesischen Stadt Tripoli, in der sich die meisten syrischen Flüchtlinge sammeln. Ahmed ist 40 Jahre alt, ein großer, stämmiger Mann im Karopullover, dunkle Ringe unter müden Augen, bleiche Haut. Er schläft wenig. Mal auf dem Boden neben dem Bett eines Patienten. Mal bei Bekannten in einer überfüllten Wohnung, mit einem Dutzend anderer Flüchtlinge in einem Raum. Seinen Besitz, zwei Plastiktüten mit Kleidung zum Wechseln, trägt er immer bei sich.

Doktor Ahmed setzt sich auf eine abgewetzte Besucherbank, in seinen zittrigen Händen hält er eine Tasse, in der goldbrauner Tee schwappt. Er erzählt, was er in Syrien erlebte, in Homs, wo er als einer von 30 Rebellenärzten geblieben war. Er erzählt von geheimen Wohnungen, die als Feldlazarette dienten. Darin versuchten er und seine Kollegen, die Verletzten des syrischen Aufstands wenigstens notdürftig zu versorgen: Kämpfer der Freien Syrischen Armee, Frauen mit offenen Bauchwunden, Kinder mit Kopfschüssen. Sie hatten sich formiert zu sechs Teams aus je fünf Ärzten, die von Haus zu Haus huschten und operierten.

Als die ersten Menschen auf die Straße gingen, um gegen das syrische Regime zu demonstrieren, arbeitete Doktor Ahmed in einem Regierungskrankenhaus in Homs. Homs wurde im Verlauf der Revolution zu einer der Hochburgen des Widerstands gegen das Regime von Machthaber Baschar al Assad, das seine Armee gegen die Stadt in Stellung brachte. „Täglich kamen mehr Verletzte ins Krankenhaus“, sagt er. „Viele wurden vom Operationstisch weg verhaftet.“ Er berichtet auch von Kollegen, die Patienten töteten. Einmal habe der Luftwaffengeheimdienst einen Mann mit offener Bauchdecke verhaftet, während Doktor Ahmed operierte. „Keine Sorge, wir werden die Wunde für dich schließen“, habe ein Agent gesagt, erzählt der Mediziner. „Aber am nächsten Tag lag die Leiche des Mannes vor dem Haus seiner Familie.“

Das war der Moment, in dem Ahmed beschloss, sich den Aufständischen anzuschließen. Er ging zu ihnen in ihr provisorisches Hospital: ein Apartment im Stadtteil Baba Amr. Dort sah er dann viele Menschen sterben, weil es keine Medikamente gab, keine Betäubungsmittel, keine Beatmungsgeräte, kein Operationsbesteck oder keinen Strom. Als das Hospital immer wieder beschossen wurde, versteckten die Ärzte die Patienten in Wohnungen. Aber oft blieb ihnen auch nichts anderes übrig, als den Verwundeten beim Sterben zuzuschauen. Ende Februar, als der Beschuss zu heftig wurde, verließ Ahmed das Viertel Baba Amr mit zwölf Verletzten. Drei von ihnen lagen im Koma. Zwei Tage dauerte die Flucht. Von den zwölf Verwundeten haben nur vier überlebt.

Im sicheren Libanon hilft er nun, wo er kann. Wechselt Verbände, richtet Brüche, operiert oder nimmt Gliedmaßen ab, hier oben im fünften Stock des Krankenhauses, auf der Suche nach Ablenkung und dem Gefühl, nützlich zu sein. Nützlich für die Revolution – und um die eigene Ohnmacht in Arbeit zu ersticken.

Die Flüchtlinge kommen über eine poröse Grenze in ein Land, in dem sie nicht willkommen sind. Sie sind der Beweis für das, was alles schiefgehen kann – und das, was auch den Libanon erwarten könnte. Es gibt deshalb keine Flüchtlingslager und auch keine Hilfsorganisationen, die auch nur das Nötigste vorhielten, Decken, Kleidung, Milch für die Kinder, Medikamente. Es gibt nichts. Durchhalten gelingt den Geflohenen nur mit Hilfe mitfühlender Libanesen, die teilen, was sie besitzen, oder Flüchtlinge in Wohnungen aufnehmen. Das libanesische Rote Kreuz sieht keinen Handlungsbedarf. Und Doktor Ahmed wird auch nur geduldet.

Wer es von Syrien in den Libanon schafft, wird als Gast angesehen, nicht als Flüchtling, und bekommt sechs Monate Aufenthaltsrecht. Die libanesische Regierung ist in einer Zwickmühle. Einerseits ist sie mit der syrischen Regierung verbündet und warnt syrische Deserteure, sich in den Libanon abzusetzen, andererseits will sie es sich nicht mit anderen arabischen Nachbarn verscherzen, indem sie Flüchtlinge nach Syrien ausweist.

Rund 20 000 Menschen sollen inzwischen in den Libanon geflohen sein. Sie berichten von Massakern an der Zivilbevölkerung. Von Scharfschützen, die wahllos auf jeden schießen, der sich aus dem Haus traut. Von tagelangen Bombardierungen der Wohnviertel. Von Demonstranten, die auf offener Straße exekutiert werden. Von Toten, die in den Straßen verwesen. Die meisten Flüchtlinge wollen anonym bleiben, sie haben Angst. Oppositionelle und Flüchtlinge sollen in den vergangenen Monaten immer wieder von syrischen und libanesischen Geheimdienstagenten aufgegriffen und nach Syrien ausgeliefert worden sein.

Die Flüchtlinge sind fast ausschließlich Sunniten, viele stammen wie Doktor Ahmed aus der Stadt Homs – und ihre Situation wird mit jedem Landsmann, der sich zu ihnen rettet, schlechter. Schon jetzt ist Wohnraum knapp, die Mietpreise explodieren. Das Leben dreht sich um das Sammeln von Neuigkeiten und Gerüchten. Gab es neue Kämpfe oder Angriffe? Wie geht es den Familienangehörigen in Syrien, sind sie noch am Leben? Das Leben ist zu einem Vakuum geworden, in dem Zeit nicht existiert.

Und in Syrien ist kein Ende der Gewalt in Sicht. Schon wird auch in der syrischen Hauptstadt Damaskus gekämpft. Die Rebellenhochburgen Homs und Idlib werden nach wie vor mit Granaten beschossen, und Saudi Arabien will die Rebellen mit eigenen Waffen unterstützen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bezichtigt beide Seiten, Gefangene zu foltern und hinzurichten.

So kommen täglich mehr Menschen in den Libanon. Sie sammeln sich im Wadi Khalad, einem grünen Talkessel umgeben von schneebedeckten Bergen unmittelbar an der libanesisch-syrischen Grenze. Schon wurden die Kontrollen verschärft – auf beiden Seiten. Soldaten patrouillieren Tag und Nacht. Landminen, Panzer und Nachtsichtgeräte hindern Flüchtlinge daran, Syrien zu verlassen und Schmuggler daran, Waffen, Munition, Lebensmittel, Medikamente nach Syrien zu bringen.

Am ersten Jahrestag der syrischen Revolution trommelte unaufhörlich Regen gegen die Fenster des Krankenhauses in Tripoli und lief an den Scheiben herab. Doktor Ahmed, der geflohene syrische Arzt, saß mit geschlossenen Augen auf einem Klappstuhl neben dem Bett eines Patienten. Er war eingeschlafen, sein Kopf auf die Brust gefallen. Um ihn herum herrschte aufgeregtes Treiben. Männer mit Arm- und Beinstümpfen, Gliedmaßen, aus denen Stahlgestänge ragten, malten Plakate. Sie wollten den Jahrestag feiern. Ein Fernsehteam von Al Dschasira wurde erwartet, um die Zeremonie zu filmen. Es war ein Freitag, und wie ihre Landsleute in Syrien wollten auch sie im Libanon demonstrieren. Um sieben Uhr begannen die Feierlichkeiten zum Gedenktag des Aufstandes. Ein Aufmarsch der Krüppel und Versehrten, die Plakate in die Luft hielten, syrische Fahnen schwenkten und Parolen riefen: „Nieder mit Assad! Freiheit für Syrien!“

Junge Männer, in der einen Hand einen Katheter, in der anderen das Gestell, an dem ein Infusionsbeutel hängt, wuselten von Zimmer zu Zimmer, dirigierten mit lauten Gesten. Andere stützten diejenigen, die nicht alleine laufen konnten, schoben Rollstühle, führten Blinde. Besucher brachten eine Torte vorbei, auf der mit weißem Zuckerguss „Möge Gott deine Seele verdammen, Assad“ stand. Rauchschwaden von unzähligen Zigaretten hingen unbeweglich auf halber Höhe des Raumes. Die Kranken sangen und klatschten in die Hände, bis ihre Stimmen heiser waren und die Handflächen brannten.

Da wachte irgendwann auch Doktor Ahmed vom Lärm auf, zu müde und erschöpft zu klatschen. Er lächelte ein bisschen. Dann murmelte er „Freiheit für Syrien“ und machte das Victoryzeichen.

Das war Ende März. Manche sagen, es sei seither nur schlimmer geworden.

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