Zeitung Heute : An der Sportmode zweifeln

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Meine Frau beschleichen manchmal solche Einfälle. Zum Beispiel möchte sie mich von der Notwendigkeit der Ausübung eines Sports überzeugen. „Sieh dir deinen Freund an, der rennt wie verrückt, vorher geht er schwimmen, und abends gibt es statt der Leberwurststullen Tennisbälle“. Ich esse seit 60 Jahren Leberwurststullen, man sieht es, aber es ist schön, dieses Glückshormon, das dann ausgeschüttet wird, und nun soll das diesem Gerenne geopfert werden?

„Der Appetit kommt beim Essen“, sagt die Frau, „wir werfen mal einen Blick in Karstadt- Sport am Kranzler-Eck“. Wir hin. Der ganze Eingangsbereich ist voller Fußball-WM, man kann sich in brasilianische Trikots hüllen, Originalbälle erwerben und eine Art Pulswärmer (3,95) kaufen, „Support for the Champions“ in Schwarz-Rot-Gold mit dem hymnischen Ausruf „I Believe“. Allein die Fußballabteilung bietet ungefähr 3500 Einzelteile, vom Baby- Schuh mit den drei Streifen bis zum futuristischen Laufwerkzeug, mit dem schon der Herr Armstrong den Mondstaub aufgewirbelt hat. Die einzigartige Mittelsohle dieser Töppen bringt „90 komfortable Minuten für Dich und 90 peinliche Minuten für Deinen Gegner“ steht da, und ich als Fan des 1. FC Union erkenne blitzartig, dass die die ganze letzte Saison mit den falschen Schuhen gespielt haben. Die Mittelsohle der Sturmspitze war ein Versager.

Aber es gibt ja noch mehr hier, viel mehr. Tausend verschiedene Tennisschläger. Die intelligentesten Laufschuhe der Welt, 120 Mal optimale Fußführung, Bewegungskontrolle für harte, weiche, sandige, moosige, steinige, teppichflaumige und matschige Böden, ideal für Allrounder. Und dann diese Ausrüstungen für Herren-Running und -Walking, die reden ja nur noch Englisch: If I go outdoor, da zieht es mir die Straßenschuhe aus und Vall Comfort Men Trekking an, von Daypacks gar nicht zu reden, früher sagten wir Rucksäcke.

Früher? Da ging man mit dem Turnbeutel los, drin waren ein Paar Turnschuhe, Hemd und Hose, eine Leberwurststulle, jemand brachte ein rundes Leder mit und die Stoppuhr, und los ging’s. So einfach war das. Was konnte da schon rauskommen?

Karstadt-Sport am Kranzler-Eck, 10 bis 20 Uhr. Auf zwei Etagen Sportartikel satt.

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