Zeitung Heute : An die rote Kugel denken

Brigitte Grunert

Wie eine Rentnerin die Stadt erleben kann

Kaum ist Neujahr vorbei, verliert der Weihnachtsbaum schlagartig seinen Zauber. Der Pensionär wundert sich immer, dass es seine Frau mit dem Abputzen so eilig hat und erzählt, dass seine Großmutter den Baum bis in den März hinein in der guten Stube glitzern ließ. Lange her, die gute Stube wurde ja anno dunnemals auch nur sonntags geheizt, da mag er sich lange frisch gehalten haben.

Ein bisschen wehmütig beguckt sie sich den Baum, bevor er abgeputzt wird. Er lässt die Zweige hängen, er wirkt ziemlich erschöpft. Also muss er weg, noch heute. Er hat uns beseligt, vorbei, alles zu seiner Zeit. Jetzt wird das Flitterzeug sorgfältig verpackt, damit es zum nächsten Weihnachtsfest wieder seinen geheimnisvollen Glanz entfalten kann. Eine Schere, Goldfäden und Klebstoff müssen für Reparaturen bereitliegen; ein zerknitterter winziger Goldengel ist flügellahm, ein kleiner Nussknacker hat einen Arm verloren, der bunt changierende Silberstern braucht einen neuen Aufhänger. Alles wird in Ordnung gebracht und vorsichtig verpackt, nicht nur die feinen Glaskugeln und Erzgebirgsschätze, sondern auch der große ramponierte Strohstern, oder die drei vergoldeten Nüsse mit den verblassten Schleifchen. Jedes Stück ist eine Erinnerung, und Erinnerungen kann man nicht ausmustern.

Doch nie wird sie diese rote Kugel vergessen, die Weihnachten 1945 als einzige Zierde am Lichterbaum hing und so kostbar wirkte, dass sie immerfort hinsehen musste (woher hatte die Mutter nur die Kerzen?). Nun hat sich in Jahrzehnten allerlei in der Weihnachtskiste angesammelt, und Schwestern und Freundinnen beschenken sich gegenseitig mit Weihnachtsschmuck.

Nein, Männersache ist das nicht. Männer sind dafür zuständig, den Baum in die Rutsche zu bugsieren, und die Weihnachtskiste wieder in den Keller zu tragen. Nur die kleine blau-weiße Pyramide aus dem Erzgebirge bleibt oben. Sie ist schon ungefähr 40 Jahre alt, schon einmal restauriert worden und etwas wackelig. Aber sie dreht sich hoffentlich ewig.

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