Zeitung Heute : „An erster Stelle stand das soziale Engagement“

James Simon war einer der wichtigsten Kunstmäzene Berlins. Er brachte Schätze wie die Büste der Nofretete in die Stadt und gehörte zu denen, die mit Wilhelm von Bode die Berliner Museen aus der Provinzialität holten – Bernd Schultz über die Bedeutung des jüdischen Unternehmers

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Herr Schultz, Sie haben mit Freunden und Bekannten eine Initiative gestartet, die die Erinnerung an James Simon, den großen jüdischen Mäzen der Staatlichen Kunstsammlungen, wiederbeleben soll. Wie hat man sich die Rolle vorzustellen, die Simon für die Berliner Museen gespielt hat?

Man kann James Simons Bedeutung gar nicht hoch genug einschätzen. Man muss sich vor Augen halten, dass die Berliner Museen noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eher provinziell waren. Dresden, Kassel, München lagen im Vergleich weit vorne. Das änderte sich in der 2. Hälfte des Jahrhunderts, so dass Berlin zu Anfang des 20. Jahrhunderts zu Wien, Paris und London aufgeschlossen hatte. Hier muss schon der Name James Simon fallen. Er ist das herausragendste Beispiel bürgerlichen Mäzenatentums. Ihm verdankt Berlin auch sein wohl bekanntestes Kunstwerk, die Büste der Nofretete.

Wer Simon sagt, sagt auch Bode, damals Generaldirektor der Königlichen Museen. Worin bestand ihr besonderes Verhältnis?

Wilhelm von Bodes Berufung 1872 war für die Berliner Museumslandschaft ein einzigartiger Glücksfall. Er erkannte schnell, dass in Berlin eine reiche, gebildete, meist jüdische Schicht von Geschäftsleuten und Industriellen gewachsen war, die auch an Kunst interessiert war. Bodes großer gestalterischer Drang hat diese Schicht regelrecht zum Sammeln verführt. Den einen animierte er zum Beispiel, Rembrandt-Graphik zu sammeln, den anderen Majolica, den dritten Skulpturen der Renaissance – alles mit der Vision, dadurch den Bestand seiner Museen zu vermehren. Denn er hegte dabei die stille, aber berechtigte Hoffnung, dass es am Ende zu großen Schenkungen für sie kommen würde. Flankierend zu diesen privaten Anstrengungen entstanden Fördervereine für die verschiedensten Museen, allen voran 1897 der Kaiser Friedrich-Museums-Verein.

... der erste Museumsverein in Europa, der für die Museen ja noch immer eine wichtige Rolle spielt ...

... jedenfalls derjenige, der sofort eine gewaltige Finanzkraft repräsentierte. Er wurde zu Bodes Schatztruhe. Sozusagen als dessen Impresario hat er ein riesiges Verbundnetz von Händlern und Sammlern aufgebaut, und wenn ein bedeutendes Kunstwerk oder eine Sammlung in England oder Frankreich auf den Kunstmarkt gelangte, war Bode zur Stelle.

Was machte diese Entwicklung möglich?

Es war der gewaltige wirtschaftliche Aufstieg Deutschlands und hier besonders Berlins nach 1871, also die Gründerjahre und ihre Folgen. Das Unternehmen, das zum Beispiel James Simons Vater gegründet hatte, war damals die größte Baumwollhandlung weltweit!

Weshalb befanden sich unter den großen Mäzenen dieser Epoche so viele mit jüdischem Hintergrund?

Weil sie höchst erfolgreiche Kaufleute waren und zugleich ein Gespür für Kunst hatten. Dabei unterlagen sie in der Gesellschaft des Kaiserreichs ja noch vielfältigen Beschränkungen, aller Assimilation zum Trotz, und es ist sicher nicht ganz falsch zu sagen, dass ihr Mäzenatentum etwas mit dem Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung zu tun hatte. Aber dazu kommt – was nur wenige wissen – ein spezifisch jüdischer Lebensauftrag, der in der Religion wurzelt. Es ist die Bereitschaft, ja, die Verpflichtung zur Verantwortung für das Gemeinwesen, die sich an die eigene Leistung und ihren Erfolg knüpft. Wer erfolgreich ist, empfindet dies als Auftrag, etwas von diesem Erfolg an die Gemeinschaft zurückzugeben. Wir Christen könnten uns davon eine gewaltige Scheibe abschneiden.

Doch nicht alle reichen Juden waren Mäzene. Die Frage geht an den Kunsthändler Bernd Schultz, der mit vielen Sammlern zu tun hat: Was macht aus einem reichen Mann einen Mäzen?

Zum Vermögen gehört eine innere Einstellung, ein Gefühl der Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit. Das ist vorhanden oder nicht. Aber es gibt auch große Anreger, die dieses Gefühl wecken können. Wilhelm von Bode war ein solcher Menschenfänger. Ohne ihn wäre Berlin viel ärmer. Doch am Ende ist Mäzenatentum eine Charakterfrage. Bei James Simon war es in herausragender, beispielhafter Weise in seinem Wesen angelegt, er bedurfte nicht des Anstoßes von außen. Simon war – angesichts seines Vermögens – ein durchaus bescheidener Mann mit einem Gefühl großer Mitmenschlichkeit. Er hat ja nicht nur die Berliner Museen unterstützt. An erster Stelle stand für ihn das soziale Engagement. Was der Staat an Elend und Kümmernissen nicht sah, dafür fühlte sich James Simon verantwortlich. Insgesamt hat er über 60 soziale Institutionen in seinem Leben langfristig gefördert, wobei er es nicht nur bei der finanziellen Förderung beließ. Getreu seinem Satz: „Man kann mit viel Geld auch viel Unfug machen“, kümmerte er sich auch um die Strukturen der von ihm geförderten Institutionen, und wenn seine Unterstützung gewünscht wurde, gab er nicht nur Geld, sondern stellte sich auch aktiv zur Verfügung.

Reiche Leute gibt es immer noch. Aber gibt es diese Einstellung noch?

Auch heute möchten Museumsdirektoren für ihre Sammlungen natürlich herausragende Werke erwerben, die ihren finanziellen Rahmen sprengen. Sie haben es aber dann immer weniger mit Mäzenen, sondern eher mit gewieften Geschäftsleuten zu tun, die solche Aktivitäten für die Streuung ihrer Vermögenswerte benutzen, von zum Teil grotesker Selbstdarstellung gar nicht zu reden. Ganz anders als zum Beispiel James Simon, der sagte: „Nie habe ich etwas für mich gemacht“. Oder: „Ich möchte mein Vermögen nutzen, damit meine Heimatstadt im Kanon der großen Museumsstädte – Paris, London, Rom – eine wichtige Rolle spielt.“ Sein Antrieb war eben auch getragen von einer großen preußisch-deutschen, patriotischen Idee. Solche Menschen finde ich heute kaum noch. Ebenso fehlt die Trias aus Museumsdirektoren, Sammlern und Kunsthändlern, die in der Gründerzeit unter Bode so wirkungsvoll war. Heute ist dieser Dreiklang fast verpönt.

Welche Bedeutung wird das Mäzenatentum in der Zukunft haben?

Da der Staat an seine leider auch selbstverschuldeten Grenzen gekommen ist, werden wir darauf stärker angwiesen sein als bisher. Dabei hat Berlin keine tragende bürgerliche Schicht mehr. Sie ist ab 1933 vertrieben oder vernichtet worden. Da ist es erfreulich, dass es in den letzten Jahren eine beträchtliche Zunahme an bürgerschaftlichem Engagement gegeben hat. Übrigens gab es im alten West-Berlin durchaus eine Bereitschaft, Kunst zu fördern, etwa bei den neuen Reichen, zum Beispiel den Bauträgern. So sind beispielsweise die großen Skulpturen von Richard Serra und Alexander Calder vor die Nationalgalerie gelangt. Andererseits entpuppt sich vieles, was sich heute als großes Mäzenatentum geriert – ersparen Sie mir die Namen –, später als ein trickreiches Geschäft. Da sehnt man sich, wenigstens in dieser Hinsicht, nach alten Zeiten. Aber was macht Berlin mit seinem größten Mäzen? Die Stadt schweigt ihn tot und verwehrt ihm die Ehre, eine Straße nach ihm zu benennen. Da fällt mir Simons Satz ein: „Dankbarkeit ist eine Last, die man niemand aufbürden sollte.“ Es ist schon schlimm genug, dass Berlin arm ist, dass es aber auch arm an Herzenswärme ist, das schmerzt.

Das Gespräch führte Hermann

Rudolph.

Bernd Schultz

ist geschäftsführender Gesellschafter des Auktionshauses Villa Grisebach in Berlin.

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