Zeitung Heute : An guten Vorsätzen festhalten

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Nicola Kuhn

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Natürlich habe ich wie jedes Jahr in der Silvesternacht meine guten Vorsätze gefasst: mehr Sport, mehr Obst und derlei Sinnvolles, wie in all den Jahren zuvor auch. Doch diesmal ist etwas wirklich Neues hinzugekommen: mehr Erziehung! Ja, man muss es sich schon vornehmen, ansonsten schwappt der Alltag über einen hinweg, und futsch sind die hehren elterlichen Ansprüche. Prompt kriegt Josefine wieder ihren Honig auf die Schnitte, und Jan schmiert sich gleich selbst die Stulle, ohne sich an die vereinbarten Bedingungen – wenigstens ein Lätzchen – halten zu müssen.

Keine vierzehn Tage nach dem Jahreswechsel drohe ich schon wieder einzuknicken, obwohl in den vergangenen zwei Wochen ganz passable Erfolge für beide Seiten zu verzeichnen waren: Mindestens zu fünfzig Prozent gehen Jan und Josefine die Flurtreppe anstandslos alleine und entsprechend stolz rauf und runter. Nur wenn es ganz eilig oder für die kleinen Beinchen zu anstrengend ist – die anderen fünfzig Prozent –, trage ich sie noch mit schlechtem Gewissen hinauf. Verweichlichte Mutter, rüge ich mich dann im Stillen. Früher, als ich noch keinen eigenen Nachwuchs hatte, wusste ich doch ganz genau, wie das mit der Erziehung funktioniert: Grenzen setzen! Und wo ich entnervte Mütter um des lieben Friedens Willen nachgeben sah, da traf sie mein strafender Blick. Schließlich müssen schon die Kleinen wissen, wo es lang geht.

Aber noch ist für 2004 nichts verloren. Die Haupterziehungsfrage haben wir ja noch nicht einmal in Angriff genommen. Jeden Abend fragen wir uns auf’s Neue, ob jetzt der Tag gekommen ist. Jeden Morgen, wenn ich mein zerknautschtes Gesicht im Spiegel betrachte, ist mir völlig klar: Nie mehr für dieses blonde Monster im Gitterbettchen fünf, sechs Mal die Nacht Fläschchen bringen, Windeln wechseln, Schnuller aufheben. Wenn jetzt alle von dem neuen Sophia-Coppola-Film „Lost in Translation“ schwärmen, kann ich nur müde lachen. Für einen ordentlichen Jetlag muss ich gar nicht erst um den halben Globus nach Tokio reisen, ich brauche nur in Schöneberg bei Josefine zu bleiben. Denn sobald dieses Kind quäkt, bin ich schon hellwach. Den Zwillingsbruder bekümmert das glücklicherweise wenig; der schläft sogar noch weiter, wenn die Schwester neben ihm brüllt wie am Spieß.

Zweifellos ein lohnendes Feld für Erziehungsmaßnahmen. Am Ende kann es nur erfolgreich verlaufen. Wie alle Eltern haben wir uns dafür das legendäre Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ zugelegt. Gleich auf der zweiten Seite steht die beängstigende Geschichte eines Zwillingspaares, das Nacht für Nacht 17 Fläschchen verlangte und erst mit vier Jahren die völlig erschöpften Eltern ebenfalls durchschlafen ließ. Da können wir uns eigentlich gar nicht beschweren. Außerdem hat das neue Jahr gerade erst begonnen. Es bleiben über elf Monate zur Realisierung sämtlicher guter Vorsätze.

Annette Kast-Zahn, Hartmut Morgenroth: Jedes Kind kann schlafen lernen. Vom Baby bis zum Schulkind: Wie Sie Schlafprobleme Ihres Kindes vermeiden und lösen können. O&P-Verlag Ratingen-Lintorf.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar