Zeitung Heute : An Missstand gewöhnt

Miodrag Soric

Eigentlich hat Georgien alles, was Urlauber von einem Zielgebiet erwarten: schneesichere Berge, die zum Teil über 5000 Meter hoch sind, gleichzeitig aber auch wunderbare Sandstrände entlang dem Schwarzen Meer. Der Tourist findet hier Wüstenlandschaften ebenso wie fruchtbare Täler, durch die sich Bergflüsse ihren Weg bahnen. Georgien verfügt über viele Heilbäder und Mineralwasserquellen.

Die Menschen im Westen des Kaukasus hatten bereits im Jahre 337 das Christentum angenommen und seitdem viele prächtige Kirchen und Klöster errichtet. Hier sei nur die Zchoweli-Kathedrale in der alten Hauptstadt Mzcheta genannt. Die Kirchen und Burganlagen liegen in einem malerischen Bergtal, wo sich die Flüsse Aragwi und Kura vereinigen. Ausgrabungen belegen, dass hier bereits im 3. Jahrtausend vor Christus Menschen lebten.

Die Gastfreundschaft der Georgier war schon immer sprichwörtlich: "Der Gast ist ein Gottesgeschenk", heißt es. Nach der so genannten Oktoberrevolution galt das Land als "Kurort" der UdSSR.

Heute allerdings verirren sich nur wenige Touristen nach Georgien. Und das hat Gründe. Zu sowjetischen Zeiten verbrachten vor allem Russen oder Ukrainer ihren Urlaub im Kaukasus. Doch nach dem Zerfall der UdSSR 1991 verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der Menschen in den GUS-Staaten. Nur wenige können sich heute eine Reise ins Ausland leisten. Wenn ein wohlhabender Russe in den Urlaubsflieger steigt, dann will er in der Regel "in den Westen": nach Spanien, Griechenland, Zypern, in die Türkei, nach Amerika oder auch nach Israel. Dort findet er den Komfort, den er erwartet - in Georgien hingegen nicht.

Wer in einem Hotel in Tiflis sitzt, dem kann es passieren, dass es von einer Minute auf die andere keinen Strom und kein warmes Wasser gibt. Die Georgier haben sich in den vergangenen zehn Jahren an diesen Missstand gewöhnt. Die Preise in den besten Hotels sind hoch, zu hoch, wenn man an den schlechten Service in diesen Etablissements denkt. Viele ehemalige Hotels werden inzwischen von Flüchtlingen aus West-Georgien bewohnt. Sie wurden aus ihrer Heimat Abchasien am Schwarzen Meer vertrieben. Die Abchasen fordern die Unabhängigkeit von Georgien. Unterstützt werden sie - mehr oder weniger offen - vom "großen Bruder" Russland. Immer wieder kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen abchasischen Separatisten und georgischen Soldaten. Das hat für den Tourismus in dieser Region fatale Folgen.

Der Norden Georgiens grenzt an Tschetschenien, wo immer noch gekämpft wird. Tschetschenische Kämpfer nutzen das unwegsame Grenzland, um sich vor den heranrückenden russischen Truppen in Sicherheit zu bringen. Touristen sollten diesen Teil des Kaukasus meiden. Immer wieder nehmen marodierende tschetschenische Banden Zivilisten als Geisel.

Georgiens Präsident Eduard Schewardnadse ist es bislang nicht gelungen, die Teilung seines Landes zu verhindern. Viele Georgier werfen dem Präsidenten und seiner Umgebung Korruption und Misswirtschaft vor. Fest steht, dass ein Großteil der Bevölkerung verarmt ist und kaum jemand mit einer wirtschaftlichen Besserung rechnet.

Wer dennoch eine Reise nach Georgien unternimmt, den nehmen das Land und seine Menschen für sich ein. Der Besucher wird staunend feststellen, dass bei den traditionellen Tischgesellschaften auf ein bis zwei Quadratmetern mehrere Dutzend Teller Platz finden: mit gegrilltem Fleisch oder Fisch, mit eingelegten Tomaten oder Gurken, mit dem berühmten Chatschapuri (Brot mit Schichtkäse in der Pfanne gebacken) und vielen anderen Köstlichkeiten. Wer meint, die besten Weine stammten aus Frankreich, der war noch nie in georgischen Weinkellern. Zudem werden sich die Augen der ausländischen Besucher kaum satt sehen an der Pracht der malerischen Altstadt von Tiflis, an der Schönheit des im maurischen Stil erbauten Opern- und Ballettheaters, an den jahrhundertealten Häusern mit Holzveranden unweit des Rustaweli-Prospektes, der Flaniermeile von Tiflis. Von Deutschland aus ist man in vier Flugstunden in Georgien. Empfehlenswert ist die Buchung einer Pauschalreise, wegen des milden Klimas am besten im Herbst.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar