Zeitung Heute : An Namen zweifeln

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Mein Computer kennt mich nicht. Immer, wenn ich meinen Nachnamen schreibe, streicht er ihn rot an: falsch! Dabei kennen wir uns schon ziemlich lange, mein Computer und ich, inzwischen, würde ich behaupten, mögen wir uns sogar. Was will die Maschine mir also sagen? Dass ich ihn noch immer nicht wirklich kenne, viele Funktionen nicht beherrsche?

Vielleicht ist es auch nur eine gesunde Skepsis: Man kann ja nie wissen, wer sich hinter einem Namen tatsächlich verbirgt. Jahrelang zum Beispiel bin ich zu meinem Reichelt einkaufen gegangen, auch als der schon Edeka gehörte. Trotzdem wurde der Laden einfach geschlossen. Nach einer Phase des Trauerns und Verlorenseins bin ich übergelaufen: eine Straße weiter zu Meyer-Beck. Das ist gar nicht so einfach, wie es klingt. „Mein Supermarkt“, das ist so wie „mein Zahnarzt“, „mein Friseur“ – oder „mein Computer“. Ein Wesen, zu dem man ganz allmählich ein inniges Vertrauensverhältnis aufbaut. Bevor ich also richtig warm werden konnte mit Meyer-Beck, hieß es plötzlich: Jetzt macht der auch zu. Aber nur, um einen Tag später wieder aufzumachen, mit denselben Kassiererinnen und fast identischem Sortiment: als „Mema“. Bis vor zwei Wochen hatte ich den Namen noch nie gehört, jetzt blinkt er mir überall entgegen. Beliefert, so stand es in der Zeitung, wird die Kette von der Kaiser’s Tengelmann AG. Also, wer gehört denn jetzt wem? Und wo gehöre ich hin?

Zur Beruhigung bin ich dann an einen vertrauten Ort gegangen, bevor auch dort die große Verwirrung beginnt: zur Akademie der Künste. Der alten, am Hanseatenweg, die so alt gar nicht ist, licht und modern und flach schmiegt sie sich in den Tiergarten. Ich hoffe, dass niemand das Haus vergessen wird, wenn erst die Akademie der Künste am Brandenburger Tor eröffnet ist. Die Institution am Hanseatenweg ist schließlich mehr als ein West-Berliner Biotop, wo die Herren Baskenmütze tragen und die Damen aussehen wie treue Besucherinnen der Schaubühne (der alten, von Peter Stein), ja, wie gute Freundinnen von Edith Clever und Jutta Lampe. Und wie sollen wir diese Akademie jetzt nennen, bitte schön?

AdK, Hanseatenweg 10. Am Sonntag ehren Hannelore Hoger, Elisabeth Trissenaar und Volker Spengler Regisseur Peter Palitzsch.

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