Zeitung Heute : Anderthalb Jahre Einsamkeit

Die Jüdische Gemeinde von Berlin ist schwer zu managen – 12 000 Mitglieder, 20-Millionen-Etat. Ihr Chef Alexander Brenner steht unter Beschuss. Der Vorwurf: Er wird zu laut, wenn er Antisemitismus wittert. Und er bleibt leise, wenn Gemeindemitglieder einander beschimpfen.

Christine-Felice Röhrs

Das Gespräch ist fast vorbei, da kommt Alexander Brenner mit den Zeitungsschnipseln. Die ganze Zeit war er vorsichtig, hat höflich und freundlich um alle Gefühle herumgeredet, wollte um Himmels willen nichts Undiplomatisches sagen, dafür haben sie ihn ja schon häufiger gegeißelt. Doch dann kommt das Gespräch auf Israel, auf das, was die deutschen Medien so berichten über die Aktionen des Militärs, und da packt es ihn doch noch. „Soll ich Ihnen mal…“, sagt er, seine Stimme wird lauter, er greift in die Jackentasche und zieht ein paar winzig klein gefaltete Artikel hervor. Am Morgen hat er sie rausgerissen und sich das erste Mal geärgert am neuen Tag.

Brenner breitet die Schnipsel auf dem Tisch aus. Er findet darin die deutsche Parteilichkeit. Mit Kuli hat er sie herausgestrichen, hat Formulierungen markiert wie „in die Brust geschossen“ und „Ausgangssperre durchgesetzt“. Es ist eine Anklageschrift, die er da mit sich herumträgt. „Jede Kleinigkeit und Verdrehung, die von der arabischen Seite kommt, wird abgedruckt“, sagt er bitter.

Ist er damit nun zu kritisch? Wird Alexander Brenner, Vorsitzender der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands, dafür wieder unter Beschuss genommen? Er hat viel Ärger gehabt, in den eineinhalb Jahren, die er im Amt ist. Von außen und von innen wird der Druck stärker. Von innen feuern die Gegner, weil er nicht geeignet sei, um ein konzernähnliches Ding zu führen, wie es die Gemeinde ist mit ihren 12 000 Mitgliedern, einem Etat von 20 Millionen Euro, mit Schulen, Altersheim, Sozialstation und nicht zuletzt: seit Jahren zerstrittenen Fraktionen. Sogar eine Neuwahl-Kampagne, wenn auch eine wenig Erfolg versprechende, hat einer, der Rechtsanwalt Albert Meyer, jetzt gegen ihn angestrengt. Zu alt mit 72, zu krank und zu führungsschwach sei Brenner.

Von außen wirkt ein anderer Druck, einer, der einen Überlebenden des Holocaust zermürben kann. Noch immer muss Brenner sich als Jude in Deutschland von drei Bodyguards beschützen lassen. Vor Monaten hatte man ihm „Juden raus“ ins Gesicht gebrüllt, so haben er und andere Zeugen es gehört. Das war bei der Rückbenennung der Spandauer Kinkelstraße in Jüdenstraße; der historische Name soll an die Bedeutung der Juden in dem Bezirk erinnern. Und vor ein paar Tagen erst sind Pläne ans Licht gekommen, den israelischen Botschafter Shimon Stein ermorden zu lassen. Wie wirkt das auf einen wie Brenner, der als Junge aus seiner polnischen Heimatstadt flüchten musste, der in der Sowjetunion ums Überleben gekämpft hat – und dann doch nach Deutschland gegangen ist, um sich ein Leben aufzubauen? „Da kommen die Erinnerungen wieder hoch“, sagt er.

Was die Kräfte von innen und außen mit ihm gemacht haben in den vergangenen eineinhalb Jahren, wollen wir von ihm wissen. Begeben wir uns also nochmal an den Anfang des Gesprächs. Alexander Brenner sitzt ganz vorne auf der Kante eines Sessels in seinem Vorstandszimmer. Es ist ein modern eingerichtetes Zimmer mit hellem Holz, der bärtige Gemeindevorsitzende mit seiner altmodischen Brille kippelt auf einem knallroten Sesselchen; er wirkt, als sei er hier nur zu Besuch. Eine Marlboro hängt zwischen den Fingern der rechten Hand. Brenner raucht viel, obwohl er das nicht soll mit seinen drei Bypässen. Angetreten war er im Mai 2001 vor allem, um die Gräben in der Gemeinde zu überwinden. Die Gräben zwischen den jungen Juden und der religiösen Tradition, zwischen deutschen und russischen Juden, zwischen Orthodoxen und Liberalen, zwischen den Abgeordneten des Gemeindeparlaments. Heute sagt er: „Ich habe bisher nicht viel erreicht.“

Dabei arbeitet Alexander Brenner von neun bis nachts, oft auch am Wochenende – und zwar ehrenamtlich. Über die Niederlagen und persönlichen Verletzungen, von denen man hört, sobald man in der Gemeinde irgendeine Telefonnummer anwählt, spricht er nicht: Albert Meyer zum Beispiel erzählt von Gerüchten, dass Kollegen Parolen ausgegeben haben, Brenners Anweisungen zu ignorieren. Vielleicht weicht der Vorsitzende deshalb jeder persönlichen Frage aus: Jede Antwort hieße noch mehr Angriffsfläche bieten. Herr Brenner, was sagen Sie zu den Intrigen? Schweigen. Dann: „Opposition ist legitim.“ Herr Brenner, mögen Sie Ihre Arbeit? „Mich hat nur selten eine Arbeit glücklich gemacht, ich bin faul von Natur.“ Herr Brenner, wer unterstützt Sie? „Oh, da fällt mir ein guter Witz ein. Soll ich…?“ Das Gespräch mit Brenner ist wie die Fahrt mit einem Fahrschüler. Kaum nimmt es an Geschwindigkeit auf, tritt Brenner auf die Bremse: holt aus zu historischen Exkursen, stellt Gegenfragen, erzählt Witze.

Die Frage nach der Unterstützung, nach der Verankerung Alexander Brenners – vielleicht gäbe es auch nicht viel darauf zu antworten. Es sind schwache Anker, die ihn halten. Brenner war ein Kompromisskandidat, als er gewählt worden ist. Er hat keiner der beiden großen Koalitionen angehört. Und es gab viele Probleme, vom Loch in der Kasse – mehrere hunderttausend Euro – bis zur Integration der russischen Zuwanderer, die mittlerweile die Mehrheit in der Gemeinde ausmachen.

Brenner erfüllt das Anforderungsprofil nicht vollständig. Er hat ein Herz für Sozialarbeit, spricht fließend russisch. Doch die Unzufriedenheit über die angebliche Vorzugsbehandlung der Neuen mit einem Schlag beenden? So ein Machtmensch ist Alexander Brenner nicht, das sagt auch sein Vorgänger Andreas Nachama. Brenner hat diese Aura nicht, die Menschen anzieht und beständig um ihn kreisen lässt. Das wird an einem besonderen Abend in der Jüdischen Gemeinde deutlich: Es ist der Tag, an dem der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde dem Außenminister den Heinz-Galinski-Preis verleihen wird. Das Haus ist voll, und Brenner mittendrin. Freundlich lächelnd geht er von Gruppe zu Gruppe, stellt die Gäste einander vor – doch dann wenden die Menschen sich wieder ihren Gesprächen zu, und Brenner, der ja ein kleiner Mann ist, steht etwas verloren hinter ihren Rücken herum.

„Ich bin auch gewählt worden, weil ich wenige persönliche Gegner hatte.“ Das weiß Alexander Brenner. Er lehnt sich zurück auf seinem roten Sesselchen und schwenkt die Hand mit der Zigarette, dass die Glut herabfällt. „Ich war ja 30 Jahre lang nicht in Berlin.“ Brenner war lange Wissenschaftsattaché, zuerst in Moskau, später in Tel Aviv. Deshalb habe er „die diversen Eitelkeiten und Interessen wohl unterschätzt“. Er meint: Er hat unterschätzt, dass hier zu viele Menschen etwas gemeinsam tun, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht viel gemein haben. Hat unterschätzt, dass diese Menschen dennoch an ihren Pöstchen kleben. Hat unterschätzt, dass es in der Jüdischen Gemeinde eben genauso ist wie überall sonst auf der Welt. „Ich habe die Jüdische Gemeinde wohl idealisiert“, sagt Brenner.

Dass Diskussionen in den offiziellen Gremien der Gemeinde regelmäßig im Streit enden, damit kommt der Diplomat Brenner einfach nicht zurecht. Es ist schon vorgekommen, dass die Abgeordneten einander als „Penner“ und „paranoid“ beschimpfen. Brenner sitzt dann oft still da und hält sich raus. „Diese Zusammenstöße sind unwürdig, das ist wirklich nicht mein Stil“, sagt er. Brenner ist eher ein Mann der Zwischentöne, ein Mann der Nuancen, studierter Chemiker, der um die Bedeutung von winzigen Mengen weiß. Sein Problem ist nur, dass die Gemeinde Nuancen zurzeit nicht brauchen kann, sondern nur riesige Mengen von allem: von Energie, Sachverstand und – politischem Instinkt.

Genau den sprechen viele Alexander Brenner ab. „So ein charmanter Mann“, sagt entzückt die Vertreterin der Jewish Claims Conference auf dem Empfang zur Galinski-Preisverleihung. „So ein kluger Mann, dieses historische Wissen“, lobt Eberhard Diepgen. Keiner nennt ihn einen Mann mit politischem Geschick. Wie denn auch? Minuten später beweist Brenner ja wieder das Gegenteil: Vom Empfang spazieren die Ehrengäste, Joschka Fischer und Richard von Weizsäcker, hinauf in den Festsaal – allein. Und wo ist der Gastgeber? Der zockelt irgendwo im Pulk hinter ihnen her.

Politisch und nachdrücklich wird Brenner erst, wenn es um Israel geht. Bis zu seinem Amtsantritt hatten die Vorsitzenden der Gemeinde Stellungnahmen oft mit dem Argument abgelehnt, Berlin sei keine Außenstelle Israels. Mit Brenner ist das anders. Er ergreift so leidenschaftlich Partei, dass Leute, die sich an einen eher zurückhaltenden Vorsitzenden gewöhnt hatten, erschrecken und andere empört aufschreien über die Schärfe seiner Urteile und Warnungen vor einem neuen Antisemitismus. Jene Bürger, die gegen die Umbenennung der Jüdenstraße waren, stellten „sich in eine Reihe mit Neonazis“, hat Brenner zum Beispiel gesagt – und damit auch jene in die Reihe gestellt, die nur gegen die unbequeme Adressänderung protestiert hatten und nicht gegen den neuen Namen. „Ekelhaft“ hat Brenner es genannt und das Wort förmlich ausgespien, als Daniel Barenboim in Israel Wagner spielen ließ.

Was bleibt also nach eineinhalb Jahren? Ein überraschend wehrhafter Mann. Einer mit größerem Beharrungsvermögen, als man ihm äußerlich ansieht. Er werde nie so frustriert sein wie Ignatz Bubis, der am Ende seines Lebens feststellte, alles sei umsonst gewesen, sagt er. Als Brenner den Spandauer Bürgern gegenüberstand, als er zum ersten Mal mit „so hasserfüllten Gesichtern“ konfrontiert gewesen sei, habe er mit sich kämpfen müssen, um Haltung zu bewahren. Doch verbissen hat er den geplanten Rundgang noch durchgehalten, so wie er jetzt in der Gemeinde durchhält.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar