Zeitung Heute : Angefeuert zu höchster Intensität

ISABEL HERZFELD

Monteverdis "Marienvesper" mit der Berliner Cappella im Schauspielhaus Konkurrenz belebt das Geschäft: die beiden Singakademien an zwei aufeinanderfolgenden Abenden an fast gleicher Stelle, das fordert zum Vergleich.Der muß eindeutig ausfallen, denn seit der Teilung durch den Mauerbau haben sich zwei ganz unterschiedliche Chöre entwickelt.Das Erbe der alten Sing-Akademie zu Berlin, die etwa die Wiederaufführung von Bachs Matthäus-Passion durch Felix Mendelssohn 1829 auf ihre Fahnen schreiben kann, beansprucht der West-Chor, der auch den alten Namen führt.Auch in jüngerer Zeit trat er durch eine gelugene Mischung von Tradionspflege und Aufgeschlossenheit der Moderne hervor.Doch der Auftritt in der Philharmonie hinterläßt ein eher betrübliches Bild.Reizvoll zweifellos das Programm, das Steffen Schubert vom erkrankten Hans Hilsdorf übernahm.Mit der Messe in D von Dvo«rák, dem "Ave Verum" von Liszt und Zoltán Kodálys "Missa brevis" präsentiert man die osteuropäische Variante der Kirchenmusik.Doch was im sanften Wiegenlied-Beginn bei Dvo«rák noch zarte Homogenität aufweist, sich bei allen jubelnden Lobpreisungen energisch zusammenrafft, kapituliert vor allzu komplizierter Chromatik.Da zeigen sich Unsicherheiten der Intonation, wirken die Baßlinien unklar, sind vor allem die Altstimmen schwach besetzt.Dennoch gibt es vor allem bei Kodály berührende Momente: im "Qui tollis peccata mundi" zumal, dem die Altistin Saskia Klumpp Glanz verleiht, oder in den intensiven "Dona nobis pacem"-Rufen der Sopranistin Irene Maas. Als hervorragende Ergänzung des östlich getönten Programms empfiehlt sich die 1963 im Osten der Stadt neugegründete "Singakademie Berlin" mit angelsächsischem Akzent.Auf sehr persönliche Weise modernisieren Bejamin Britten mit "Rejoice in the Lamb" op.30, James Mac, Millan mit den "Cantos Sagrados" und Michael Tippett mit eigenen Fassungen von Negro Spirituals die geistliche Tradition.Achim Zimmermann feuert seinen Chor zu höchster Intensität, rhythmischer Präzision an.In allen drei Werken teilt sich eine ausdrucksreiche Modernität mit.Im Engagement dieses deutlich jüngeren Chores haben auch die jungen Solisten ihren Platz: Pegga Steiner mit zart bewegtem Sopran, Patrizia Herborn mit bemerkenswert reifer Altstimme, der temperamentvolle Tenor Nico Eckert und der schlanke Baß Michael Zieglers.Doch noch andere Facetten werden geboten: Lupenreine A-cappella-Chromatik in Madrigalen von Gesualdo di Venosa, zarte Schwärmerei in vier Frauenchören von Johannes Brahms, und dann das eigentliche Plus dieses Klangkörpers: die beachtliche Stärke von Tenören und Bässen ermöglicht die sensible Wiedergabe von vier Männerchören von Franz Schubert.Da fiel im heftigen Beifall kaum auf, daß die kleine Philharmonie nicht besser besucht war als am Abend zuvor die große.ISABEL HERZFELD

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