Zeitung Heute : Angela Merkel: Vorsitzende im Wartestand

Robert Birnbaum

Die Stunde unserer Gegner ist vorbei." Die Frau auf dem Podium schaut in die vielen hundert Gesichter in der Essener Gruga-Halle. Es ist der 10. April 2000. Noch zwei Stunden, dann wird die CDU Deutschlands die Generalsekretärin Angela Merkel mit 95,94 Prozent der Stimmen zur Vorsitzenden wählen. Es ist der größte Vertrauensvorschuss, den die Partei je einem Neuen gewährt hat. Als Helmut Kohl zum ersten Mal Parteichef wurde, bekam er 86, Wolfgang Schäuble 92 Prozent. "Wir sind wieder da", sagt die Frau auf dem Podium. Einige im Saal sind nicht so sicher, dass der Satz stimmt. Aber an diesem Tag würden sogar sie ihn nur zu gerne glauben.

"Wir sind an dem Punkt angelangt, dass die nächsten Bundestagswahlen offen sind." Die Frau am Kopfende des Tischs sucht die Augen ihrer Zuhörer. Es ist der 6. April 2001, eine kleine Runde in der Landesvertretung von Baden-Württemberg. Die Ortswahl verrät Hintersinn - seit Erwin Teufel vor zwei Wochen im Triumph seine Landtagswahl gewonnen hat, ist er zum Schutzheiligen der Union avanciert. Noch vier Tage, dann ist Angela Merkel ein Jahr lang Vorsitzende der CDU Deutschlands. Ernster ist sie geworden. Oder vielleicht sollte man sagen: weniger vergnügt. Der verschmitzte Zug, einst ihr Markenzeichen, stiehlt sich nur noch selten in die Mundwinkel. Dafür sind ihre Sätze ein bisschen länger geworden. Die Zahl derer aber, die daran zweifeln, dass die Sätze stimmen, ist sehr viel größer.

Man muss, um diese Veränderung zu begreifen, noch einmal kurz zurück zum Ausgangspunkt. Zu jenen Regionalkonferenzen, die ihr Mentor Schäuble listig umfunktioniert hatte zum Plebiszit über seine Nachfolgerin; zurück in diese übervollen Turnhallen, in denen eine erst von der Wahlniederlage und dann von der Spendenaffäre gebeutelte Basis der Retterin zujubelte, die den Beifall mit scheuem Winken beantwortete und doch stärker wirkte als all die starken Kerle. Der Jubel sprach allem Hohn, was man von der CDU, ja, was die CDU von sich selbst geglaubt hatte, diese westdeutsche, katholische, konservative Männer-Partei. Alles sprach gegen die Kandidatin: ostdeutsch, protestantisch, irgendwie liberal und vor allem - Frau! Nur eins sprach für sie. Und das gab den Ausschlag: Diese Angela Merkel, die so gar nicht den üblichen Polit-Jargon redete, war authentisch.

"Die weiß doch nicht, was sie will!" Der Mann, der sich an einem sonnigen Spätwintermontag vor dem Konrad-Adenauer-Haus ärgert, ist nicht als Merkel-Feind verschrien. Er kommt aber gerade aus einer dieser Sitzungen des Parteivorstands, in der es mal wieder um die Rentenreform gegangen ist. Gleich wird die Parteichefin den Journalisten wieder in den Block diktieren, dass die Union erstens am Gesetz des Arbeitsministers Walter Riester schon ganz viel verbessert habe, zweitens Riester aber noch mehr verbessern müsse und drittens die Union an einem Konsens weiter interessiert sei. Ein paar Tage später werden die Unterhändler von CDU und CSU mal wieder die Gespräche mit der Regierung platzen lassen. Und Edmund Stoiber wird aus Bayern poltern, nach ihrem Wahlsieg 2002 werde die Union die Reform sowieso zurücknehmen.

Ja, sagen sie im Adenauerhaus, ja, wissen wir: "Das mit der Rente ist nicht so gut gelaufen." "Nur leider", sagt der Mann, der sich ärgert, "wäre das genau der Punkt gewesen, an dem Merkel Führung hätte zeigen müssen." Da ist es, das Wort, um das sich die Bilanz dieses Jahres immer wieder dreht: Führung.

Burgfrieden

Vordergründig sitzt die Parteivorsitzende fest im Sattel. Weit und breit keiner, der ihr den Posten streitig machen könnte - außer einem, der sich aber vorerst mit seinem Fürstentum in Hessen bescheidet. Die großen Fragen des Anfangs sind erledigt und vergessen. Den grollenden Helmut Kohl hat sie am zehnten Jahrestag der Einheit zum Denkmal erhoben - in der richtigen Einschätzung, dass es dem Alten stets nur um eigenen Nachruhm ging. Die Konkurrenten aus der Generation der 50-Jährigen mögen meckern - es bleibt folgenlos. Auch der Fraktionschef Friedrich Merz hat begriffen, dass er im direkten Rivalenkampf schlechte Karten hat. Sogar die CSU hält, von kleinen Sticheleien abgesehen, bislang Burgfrieden.

Das fällt ihr nicht leicht. Es ist nämlich ein Burgfrieden nicht aus dem Herzen, sondern aus Sorge. "Wir haben auch nichts davon, wenn die CDU schwächelt", sagt einer der wichtigeren Leute der Bayern-Partei. "Wir können doch nicht aus München den ganzen Laden führen!" Das ist es schon wieder, das Wort: führen. "Sie führt nicht, sie moderiert bloß" - der Satz ist häufig zu hören gewesen in diesem einen Jahr. Er meint Verschiedenes. Erstens: Es gibt viel Gerede, aber kaum Ergebnisse. Kommissionen gibt es, Fahrpläne, Zeitpläne. Nur was die Angela-Merkel-CDU will, bleibt im Nebel.

Der Satz meint aber auch: Sie sucht keinen Rat, keine Verbündeten; ein paar Getreue im Adenauer-Haus sind ihr Stab, allenfalls noch Annette Schavan, die Stellvertreterin aus Stuttgart. Andere, die ihren Weg begleitet haben, Wolfgang Schäuble zum Beispiel, stehen inzwischen am Rand, mehr Zuschauer als Zuarbeiter. Misstrauisch sei sie, sagen manche, nicht teamfähig. Und das sagen nicht nur solche, die unter Teamfähigkeit verstehen, dass sie selbst den Ton angeben.

Das ist die Binnensicht. Zur Binnensicht gehört noch eine weitere Beobachtung, die ein CDU-Abgeordneter so fasst: "Ihr Bemühen um die Konservativen trägt Früchte." Merkel, sagt der Mann, habe ihr anfängliches Image als Frau der Erneuerung beiseite gelegt. Zwar mit der Folge, dass sie ihre Anhängerschaft unter den Reformfreudigen erst mal verprellte. Aber dass zum Beispiel die Frau, die Merzens Wort von der "Leitkultur" eigentlich unsinnig fand, sich kurz darauf an die Spitze der Bewegung setzte, hat ihr im konservativen Lager Punkte verschafft. Als der Zank um die Doppelspitze hochkochte, zahlte sich das aus: Im Falle eines Falles wäre Merz das Opfer einer Flurbereinigung geworden; der Satz, die Fraktion würde Merkel nicht als Chefin akzeptieren, galt nicht mehr.

"Es ist gelungen, die Flügel der Partei zusammenzuhalten", sagt Merkel. Der Preis dafür ist allerdings hoch: Er heißt Authentizität. Sie hat versucht, mit der Partei kompatibel zu werden. Aber sie hat bisher nicht versucht, das Mandat einzulösen, das ihr die Leute damals in den Turnhallen erteilt haben: die Partei zu formen.

Womit wir wieder bei der Rente wären. Merkel hat von Anfang an den Konsens gewollt. Genauer gesagt vom 14. Juli 2000 an. Es war der Tag ihrer zweitbittersten Niederlage - der Tag, an dem ein Vielbelächelter wie Eberhard Diepgen den dröhnenden Widerstand der gesamten Unionsspitze gegen die Steuerreform im Bundesrat krachend in sich zusammenfallen ließ. Daraus hat sie die Lehre gezogen, dass man sich nicht übernehmen darf. Die Frage ist nur, ob sie mit der Lehre nicht zu weit gegangen ist. Bei der Rente hat sie nie im Ernst versucht, den Konsens als Kurs durchzusetzen. Heute räumen sogar Getreue ein, dass ihre bitterste Niederlage aus dieser Unschärfe erwachsen ist: Wie sonst hätten nicht nur der als Säbelfechter für den sanften Ruprecht Polenz eingewechselte Generalsekretär Laurenz Meyer, sondern auch Merkel selbst das unglückselige Verbrecherplakat mit dem "Rentenbetrüger" Schröder für eine geniale Idee halten können? Obwohl die aggressive Pose doch das genaue Gegenteil ihrer inhaltlichen Position war.

Zurück in die Turnhallen

Das ist der Stand nach einem Jahr: eine Vorsitzende im Wartestand. Dass die Bundestagswahl offen sei - man darf den Satz getrost als Gesundbeterei werten. In Wahrheit wissen alle: Wir sind nicht so weit, dass wir als Konkurrenz zu Schröder in Frage kommen. Aber viel Zeit bleibt nicht. "Bis Dezember soll die programmatische Erneuerung der CDU sichtbar sein", sagt Merkel.

Erneuerung - das haben wir jetzt länger nicht mehr gehört. An einem Thema soll sie deutlich werden, ausgerechnet: Ausländer- und Asylpolitik. Der Liberale Peter Müller arbeitet an der CDU-Vorlage. Der Saar-Ministerpräsident soll sich mit seinem CSU-Gegenüber, dem bayerischen Innenminister Günther Beckstein, auf eine gemeinsame Haltung einigen; klappt das nicht, wollen Merkel und Stoiber den Kraftakt stemmen.

Schon jetzt aber steht fest, dass das Ergebnis in fünf Regionalkonferenzen der CDU-Basis zur Diskussion gestellt wird. Womit wir am letzten Punkt angekommen sind, über den ganz kurz auch noch geredet werden muss - die Kanzlerkandidatur. Und da hat Merkel etwas gelernt aus dem Scheitern des CDU-Kandidaten Christoph Böhr in Rheinland-Pfalz. Der hat sich als intellektuellen Gegenpol zum SPD-Landesvater Kurt Beck eingeführt - und dann im Wahlkampf mächtig geholzt. Das haben ihm die Leute nicht abgenommen, weil sie spürten, dass der Schöngeist den Kraftmeier bloß markierte. Böhr war nicht authentisch. Wer Gerhard Schröder schlagen will, muss authentisch sein. Programm und Person müssen zusammenpassen. Bestimmt kein Zufall, dass der Test darauf wieder in Turnhallen stattfindet.

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