Zeitung Heute : Angesteckt mit Einsamkeit

Ein junger Mann in Uganda, er hat das Aids-Virus. Und er ist allein deshalb. Nun fängt er damit an, das zu ändern

Judith Reker[Kampala]

Die ganze Wahrheit hat er nicht gesagt. Er hat sich in der Kontaktanzeige ein paar Jahre jünger gemacht. „Ich bin ein Mann, 29 Jahre“, steht dort, „HIV-positiv und suche eine Freundin im selben Zustand, zwischen 20 und 40. Sie muss bereit sein, positiv zu leben und vielleicht mit mir zusammenzubleiben. Muss finanziell stabil sein.“ Auf die Annonce in einer ugandischen Tageszeitung antworteten 40 Frauen.

Eine der ersten Fragen war immer: Wie lange hast du das Virus schon? Wenn er ihnen dann schrieb, „seit 15 Jahren“, wollten sie wissen: Wie hast du so lange überlebt? Darauf antwortete er: „Positiv leben, das heißt genügend ausruhen, sich gesund ernähren, sich vor Moskitos schützen, ein wenig Sport.“ Seit vier Jahren nimmt er außerdem Medikamente, die den Krankheitsverlauf verzögern.

Keine fragte: Wie ist es passiert, wie hast du dich infiziert? Selbst die es angeht, scheint es, können die immer gleichen Geschichten nicht mehr hören.

Der schlanke Mann sitzt in einem leeren Restaurant in der Hauptstadt Kampala. Anonymer Ort, keine Fotos, und: den richtigen Namen nicht nennen, das waren die Bedingungen für ein Treffen. Geben wir ihm also einen anderen, nennen wir ihn Kamya Bosco. „Ich habe volles Rohr gelebt, früher“, sagt er. „Ich habe es mir gut gehen lassen – was ich damals gut gehen nannte.“ Es sich gut gehen lassen hieß: Er schlief neben seiner jungen Frau mit vielen anderen, ohne Kondom. Als der ehemalige Freund einer seiner Liebhaberinnen offensichtlich erkrankte und schließlich starb, ließ Bosco sich testen. Das war vor 15 Jahren. Und es war zu spät. Bosco sagt: „Ich weiß, dass ich es war, der meine Frau angesteckt hat.“

In ihrer Hilflosigkeit konvertierten beide zur konservativen, evangelikalen Kirche der „Wiedergeborenen Christen“, er wurde fromm und treu, raucht nicht mehr, trinkt nicht mehr. Sie bekamen ein zweites Kind, das dank Medikamenten nicht infiziert ist. Aber am Ende hat auch das ihre Liebe nicht mehr gerettet, und vor sieben Jahren verließ sie ihn.

Bosco teilt seine 36 Jahre ein in „das andere Leben“ und „das Leben mit HIV“. Aus dem anderen Leben hat er seine Vorliebe für schnittige Kleidung mitgebracht: gebügeltes weißes Hemd, der oberste Knopf offen, ein hauchdünnes Goldkettchen. Die braunen Lederslipper sind frisch poliert. Zu seinem jetzigen Leben gehört das Stofftaschentuch, das immer zur Hand ist. Der Schweiß, der ihm maßlos über Stirn und Schläfen fließt, ist das einzige Zeichen dafür, dass ein Virus in ihm wohnt.

Seit sieben Jahren hatte er keine Liebesbeziehung, keinen Sex. Er wusste nicht, wie er eine HIV-positive Partnerin finden sollte. Dass sie auch infiziert sein muss, steht für ihn fest. „Ich muss jemanden treffen“, sagt er, „der meine Probleme versteht. Und ich bin empfindlich. Wenn jemand zum Beispiel gedankenlos etwas abwischt, was ich zuvor in der Hand hatte, das würde mich kränken.“ Vor einigen Monaten sah er zum ersten Mal Kontaktanzeigen von HIV-Infizierten in der Zeitung. Sofort legte er sich ein Pseudonym zu und setzte einen Text auf. Jeden Tag geht er seither ins Internetcafé. Die E-Mail-Korrespondenz „gibt mir einen Grund aufzuwachen“, sagt er.

Kamya Bosco ist die kleinste Einheit einer Statistik, deren Zahlen immer größer werden. Er ist einer von 40,3 Millionen Menschen, die im Jahr 2005 weltweit mit dem Immunschwächevirus leben. Das ist, laut Weltgesundheitsorganisation WHO, fast eine Million mehr als im letzten Jahr. Nach wie vor ist Afrika südlich der Sahara am stärksten heimgesucht: Zwei Drittel aller HIV-Positiven leben hier, der Anteil bei den Frauen liegt noch höher.

Kamya Bosco ist aber auch ein Beispiel für die zunehmende Zahl der HIV-Infizierten, auch in Afrika, die länger und besser mit dem Virus leben. Doch sie sind immer noch in der Minderheit. Sie leben in städtischen Regionen, die eine gute medizinische Versorgung bieten. Schon im kriegsversehrten Norden Ugandas, ganz zu schweigen von Ländern wie der Zentralafrikanischen Republik, hätten sie keine Zukunft. Die WHO schätzt, dass höchstens einer von zehn Afrikanern, der in diesem Jahr Medikamente zur Verzögerung des Krankheitsverlaufs benötigte, auch welche erhielt.

Uganda, wo 1982 der erste Aids-Fall in Afrika diagnostiziert wurde, ist vergleichsweise vorbildlich bei der Bekämpfung der Krankheit. Die medizinische Versorgung wird besser, unzählige Einrichtungen und meterhohe Plakate klären auf, in Organisationen wie den „Jungen Positiven“ und „Post-Test-Clubs“ können die Kranken miteinander reden – aber dorthin gehen nur diejenigen, die bereit sind, sich zu „outen“. Die Angst davor ist immer noch groß.

Kamya Bosco lädt am Ende doch noch zu sich nach Hause ein, in ein kleines Gebäude aus der Kolonialzeit, neben einem Bananen- und Papayahain. Er lebt mit Verwandten, die nichts von seiner Infektion wissen. In seinem Zimmer steht als einziges Möbel neben dem Doppelbett ein Koffer. Darin bewahrt er in einem braunen Umschlag seine Papiere auf, Laborbefunde, Testergebnisse. Und Fotografien, von seinen Kindern, von seiner schönen Frau. Unzählige Fotos auch von sich, aus „dem anderen Leben“. Fotos von Freunden und Geschwistern kommentiert er fast monoton: „Der ist an Aids gestorben. Der ist gestorben. Das ist auf der Beerdigung von …“

Und die Frauen? Getroffen hat er erst eine der 40, die auf die Annonce geantwortet haben. Bosco hat nicht genug Geld, sie alle sofort kennen zu lernen, er könne sie ja nicht mal zum Essen einladen, sagt er.

Am Fenster, an einem Vorhang, hängen mit Wäscheklammern befestigt die Taschentücher zum Trocknen. Jene, von denen er eins immer bei sich trägt.

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