Zeitung Heute : Angie, Edmund und der Bundesdance

Kurt Sagatz

Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen. In der einen Stunde liegt Edmund Stoiber bei der unions-internen K-Frage klar vorn, um nur wenig später von Angela Merkel klar auf die Plätze verwiesen zu werden. Am Donnerstag lag die Norddeutsche eindeutig vorn. Immerhin 60 Prozent der Stimmen entfielen auf die CDU-Chefin. Die Zahlen sprechen für sich, denn dass es sich bei dieser Abstimmung nicht um das Ergebnis der CSU-Klausurtagung in Kreuth handeln kann, liegt auf der Hand. Andererseits dreht es sich ebensowenig um den Niederschlag der prognostizierten CDU-Meinung, denn ob Angela Merkel auf einen derart starken Rückhalt in der eigenen Partei vertrauen darf, muss zumindest angezweifelt werden.

Das Abstimmungsergebnis stammt vielmehr von der Opposition, genauer gesagt von den bayerischen Grünen, die auf ihrer Internet-Homepage zum K-Fragen-Plebiszit aufgerufen haben. Reichten anfangs wegen geringer Beteiligung nur wenige Mausklicks aus, um die Kandidatenfrage in die eine oder andere Richtung zu bewegen, so hat sich die Entscheidung Stoiber gegen Merkel inzwischen zum digitalen Volkssport entwickelt. "Spiegel Online"-Autor Frank Patalong ließ es sich am Mittwoch nicht nehmen, gleich zweimal auf der Newsseite des Magazins über den aktuellen Verlauf der Grünen-Abstimmung in Sachen CDU-Personalfragen zu berichten.

Politik mit den Mitteln der modernen Medien - und hier vor allem im Internet - zu führen, ist spätestens seit der letzten Wahl für die US-Präsidentschaft unverzichtbarer Bestandteil jeder Kampagne. Zwar noch nicht wahlentscheidend, aber dennoch unverzichtbar, so bewertet auch Juri Maier die internet-konforme Präsenz der Parteien in Wahlkampfzeiten. Vor allem, um junge Erstwähler an die eigene Partei zu binden oder um jung gebliebene Wechselwähler von den Vorzügen der eigenen Interessensvertreter zu überzeugen, komme dem Internet eine wachsende Bedeutung zu, so der Chef der Internet-Agentur wegewerk. Die Berliner Multimedia-Spezialisten aus Mitte haben sich auf die interaktive Politik-Kommunikaktion in den digitalen Netzen spezialisiert und bei der Landtagswahl die Internet-Plattform der Grünen um Sibyll Klotz auf Vordermann gebracht. Zu den weiteren Referenzen gehört der Aufbau der Website "Blick nach Rechts" sowie die Gestaltung der Webseiten der SPD-Fraktion im Bundestag.

Für Werbestrategen mag es zwar eine Binsenweisheit sein, dass man sich grundsätzlich Gedanken darüber machen muss, welche Zielgruppe man ansprechen möchte. Im jungen Feld der Internet-Kommunikation gibt es für die Parteien dabei jedoch noch einiges zu lernen. Seitenlange Programmatik erfreut sich im Netz trotz immer schnellerer Internet-Verbindungen genauso geringer Beliebtheit wie das ständige Aufblinken kommerzieller Werbebotschaften.Und so wie im normalen Wahlkampf der Darstellung des jeweiligen Spitzenkandidaten die wichtigste Rolle beikommt, hat auch das Internet seine eigene Zuspitzung. Multimediales Infotainment ist gefragt. Aufmerksamkeit erlangt nur derjenige, der seine Botschaften unterhaltsam hinüberbringt, meint Juri Maier. Die Grünen- Abstimmung zur K-Frage ist hierbei ein erster Vorgeschmack auf das, worauf sich der Wähler im anstehenden Bundestagswahlkampf vorbereiten, möglicherweise sogar freuen, kann. So gehörte zu den erfolgreichsten Beispielen von Polit-Entertainment eine Internet-Seite der "Süddeutschen Zeitung". Beim "Bundesdance" kann man Politikern wie Gerhard Schröder, Angela Merkel, Edmund Stoiber, Guido Westerwelle oder Gregor Gysi Tanzbeine wachsen lassen. Die bundesdeutsche Übersetzung einer erfolgreichen britischen Website mit Tony Blair ließ die Zugriffszahlen der "Südeutschen" im Herbst letzten Jahres sprunghaft in die Höhe schnellen, ganz im Takt der musikalischen Flash-Seite.

Im Zweifel lieber etwas weniger seriös, ist darum auch das Credo von Maier und seiner wegewerk-Agentur. Zu den erfolgreichsten Specials auf Internet-Angeboten des wegewerks gehört beispielsweise ein ebenfalls Flash-animiertes Online-Spiel im "Blick nach Rechts", das die jugendlichen Nutzer dazu auffordert, die dümmsten Nazisprüche zu entlarven. Der Clou an solchen Spielen ist zudem, dass man sie in Form virtueller Anzeigen-Banner gestalten kann, so dass die Internet-Nutzer gar nicht erst auf andere Seiten gelotst werden müssen, um an den Polit-Games teilzunehmen. Überdies lassen sich diese Infotainment-Banner leicht in anderen Seiten integrieren.

Neben größerer Popularität liegt der Nutzern eines erfolgreichen Internet-Angebots für die Parteien auch daran, den potenziellen Wähler näher kennenzulernen. Gerade bei interaktiven Spielen vergessen viele Nutzer gerne ihre sonstigen Bedenken gegen die Preisgabe persönliche Angaben. Auch die Bayern-Grünen haben auf diesen Effekt gesetzt und fordern vor dem Klick auf den Abstimmungsbutton dazu auf, Name und E-Mail-Adresse anzugeben. Dass man auch ohne diese Angaben an der völlig unverbindlichen Wahl teilnehmen kann, wird verschwiegen - ganz uneigennützig natürlich.

Überzogene Hoffnungen haben hingegen im Internet-Wahlkampf nichts verloren. Diese Lektion müssen die Bayern-Grünen gerade lernen. Denn wenn sie gehofft hatten, den übermächtigen CSU-Chef per Web-Abstimmung ins ferne Berlin delegieren zu können, so müssen sie nun feststellen, dass die Online-Abstimmung dafür nicht das geeignete Mittel ist. Denn im Netz sind die Bayern nicht allein.

Nein zu Stoiber

Die Internet-Gemeinde ist sich einig. Während bei den Bayern-Grünen Angela Merkel in der K-Frage favorisiert wird, hat Edmund Stoiber auf Tagesspiegel Online wenig zu Lachen. In der Umfrage des Online-Specials sprechen rund 70 Prozent der Nutzer dem CSU-Chef die Eignung zum Kanzlerkandidaten ab. Die Kreuther Stimmen reichen eben nicht aus, um in Berlin zu punkten.

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