Zeitung Heute : Angriff auf Amerika: Die unwirkliche Stille im World Wide Web

Kurt Sagatz

Ereignisse wie das schreckliche Drama am Dienstagnachmittag in New York und Washington lassen alle anderen Geschehnisse in den Hintergrund treten und sind mit den Mitteln der Medien kaum zu fassen. Auch das Internet, das sonst als verlässliches Informationsmedium gilt, war in den dramatischen Stunden am World Trade Center nicht in der Lage, jene Zusatzinformationen bereit zu stellen, für die die Menschen dieses Medium normalerweise nutzen. Über Stunden blieben sämtliche Aufrufe von Seiten wie cnn.com oder msnbc.com erfolglos, meldeten die Server, dass die gewünschten Seiten nicht aufgerufen werden können. Noch am späten Abend blieb den Online-Journalisten nur eine Chance, ihrer Aufgabe dennoch nachzukommen: Wo sonst beispielsweise auf CNN online ein umfassender Überblick über alle Themenbereiche gegeben wird, wurde gestern die normale Tagesordnung über Bord geworfen. Ein einziges Bild von Menschen, die vor den einstürzenden Gebäuden in Manhatten flüchten, ein kurzer Vorspann unter der Headline "Amercia under Attack" und eine kleine Zahl von kurzen Informationen, von denen nicht einmal alle mit einem Link zu weiterführenden Artikeln versehen waren.

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Hintergrund: Terrorangriffe auf Ziele der USA Es mangelte nicht an Informationen. Gestern jedoch war Sparsamkeit das Gebot des Tages. Über Stunden versuchten Menschen aus allen Teilen der Welt an jede nur erdenkliche Information zu gelangen, wollten wissen, ob ihre Angehörigen zu den Opfern der Attentate gehören. Das letzte Mal, als das Internet einen derartigen Ansturm erlebte, wurden in den USA die Lewinsky-Protokolle online gestellt. Doch während seinerzeit nur jene Anbieter vom gigantischen Verkehrsaufkommen betroffen waren, die sich die brisanten Papiere zuerst besorgt hatten, traf es diesmal das gesamte Internet. Überall, nicht nur in den USA, waren die Info-Portale überlastet. In Deutschland waren die Seiten von Spiegel online, der Süddeutschen oder von Tagesspiegel.de in den ersten Stunden nach der Katastrophe nur sehr schwer zu erreichen. Erst nachdem neue Server und Leitungen geschaltet wurden, gelang es, dem Informationsbedarf der Nutzer gerecht zu werden.

Der Tag in den USA hat nicht nur die Art verändert, wie Online-Journalismus mit einem solchen Ereignis umgeht. Auch in den Chatrooms wurde die normale Tagesordnung durchbrochen. Wo sonst Menschen zum schnellen Internet-Flirt oder zum Gedankenaustausch über ihre Hobbys zusammenkommen, standen am Dienstag die Anschläge in den USA über allem. So auch auf www.chat.de, wo sonst häufig die Beliebigkeit das Chat-Geschehen bestimmt, wurde gestern mit einer sonst kaum anzutreffenden Ernsthaftigkeit darüber diskutiert, was in New York und Washington passiert ist, und was dies möglicherweise für die Weltpolitik bedeutet. Teils persönliche Betroffenheit, teils Erschütterung und Wut und mitunter Anteilnahme für die Angehörigen der Opfer.

Wer sich jedoch ein Bild davon machen wollte, in welcher Stimmung sich Amerika nach dem schweren Schlag gegen die Nation befindet, fand gestern in den US-Chatrooms kaum Antworten. Anders in den Internet-Newsgroups. Auch die bekannten Verschwörungstheorien der Cyber-Freaks leben hier weiter, wenn beispielsweise das gestrige Datum 11.9.2001 zur Zahl 23 zusammengezählt wird. Diese Zahl gilt als Zeichen der Illuminaten, jener Sekte, die mit den verschiedensten Attentaten in Verbindung gebracht wird. Und ein weiterer Ausdruck durchzieht die verschiedensten Diskussionsstränge der Newsgroups: "Pearl Harbour 2, Sept. 11, USA", daran fühlen sich die Amerikaner nach den schrecklichen Attacken auf das wirtschaftliche und politische Zentrum der Vereinigten Staaten erinnert.

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