Zeitung Heute : Angriff auf die Psyche

Bagdad wird massiv bombardiert, die alliierten Streitkräfte demonstrieren ihre Stärke. Aber mit technischem Material allein gelingt es nicht, den Krieg zu gewinnen. Flugblätter und irakische Radiosender, Propaganda und gesteuerte Informationen – die USA nutzen viele Mittel, den Gegner zum Aufgeben zu bewegen.

Stephanie Nannen

Mit technischem Gerät, militärstrategischer Planung und Soldaten allein lässt sich auch heute noch kein Krieg gewinnen. Psychologie ist ein Hauptbestandteil der Kriegführung, mindestens seit dem Zweiten Weltkrieg. Dazu gehört es, den Gegner zu täuschen, die Wege der modernen Kommunikation, auch die eigenen Medien, zu nutzen und eine Situation herzustellen, in der feindliche Soldaten – im besten Fall – ihren Widerstand aufgeben. Dazu bedarf es einer Kombination psychologischer Mittel: glaubwürdige Drohkulisse, Einschüchterung und die Aussicht auf humane Behandlung.

Die Macht der Waffen: Die 945 Kilogramm schwere MOAB-Bombe (Massive Ordnance Air Blast), die im März in Florida getestet wurde, ist auch ein psychologisches Mittel. Die „Mutter aller Bomben“ habe besondere Wirkung, erklärte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Zwar ist die Sprengwirkung gewaltig und der entstehende Rauchpilz kilometerweit sichtbar. Aber um Psychologie geht es nicht erst nach Einsatz der Waffe. Schon die Veröffentlichung der Bilder aus der Testphase dient der Einschüchterung. Geheimprojekte, zu denen jüngst entwickelte Bomben gehören, sind wenig geheim, wenn man sie absichtlich der Öffentlichkeit zugänglich macht. Der Hinweis darauf, dass die Bombe in einem Irak-Krieg eingesetzt würde, sollte den Feind auf eine harte Kriegführung einstimmen.

Mit Flugblättern an die Meinungsfront: Ebenfalls lange vor Beginn des ersten Bombardements auf Bagdad hatten amerikanische Flugzeuge Flugblätter über das Land verteilt. Allein am Mittwoch wurden nach Angaben des zuständigen Zentralkommandos etwa zwei Millionen im Südosten des Irak abgeworfen, 17 Millionen seit Beginn des Jahres. Sätze wie: „Wenn du schießt, wirst du zerstört“, sollen die Soldaten zum Aufgeben drängen. „Die Abwürfe sind Teil unserer Anstrengung, irakisches Leben zu schützen, irakische Angriffe abzuwenden und der Bevölkerung relevante Informationen zukommen zu lassen“, teilte das Zentralkommando mit.

Kein Krieg ohne Taktik: Sofortiger massiver Angriff, keine Überraschungen, 3000 Bomben gleich zu Beginn des Krieges – das sind die Schlagworte, die die Strategie der Amerikaner zu erklären schienen. Der Universalschlag ließ auf sich warten, das schnelle Ende scheint in die Ferne gerückt, und gibt dadurch Raum für neue Spekulationen: Chaos, Planungsfehler, übermäßige Improvisation. Wie der Tagesspiegel aus gut informierten Kreisen hörte, kann die Taktik eine ganz andere sein. Eine, die viel Wert auf das psychologische Moment legt. „Die wissen genau, was sie tun. Das Ganze ist Teil eines Plans, Verwirrung zu stiften und den Feind mürbe zu machen“, heißt es. Demnach versuchten die Amerikaner, Überlegenheit zu demonstrieren, indem sie gezielt einzelne Gebäude zerstören. Ein Ministerium zu beschießen, von dem später bekannt wurde, dass es leer gewesen sei, passe ins Bild, sagt der Experte. „Die Amerikaner wissen ganz genau, dass Ministerien nachts nicht besetzt sind.“ Der Abwurf, so wird vermutet, solle nur eins vermitteln: „Wir können jedes Ziel überall treffen. Nichts wird euch nützen, gebt euch geschlagen“. Auch die Einschläge in scheinbar unwichtige Ziele, seien der psychologischen Kriegführung dienlich. Das gleichzeitige Feuern vom Boden und aus der Luft, tut ein weiteres, die Drohkulisse stetig aufzubauen. „Das Ziel ist nicht, möglichst viel kaputtzumachen, sondern die Voraussetzung für mehr Stabilität und Kooperation in der Nahostregion zu schaffen“ sagt Klaus Becher vom International Institute for Strategic Studies (IISS) in London.

Soldaten – Opfer und Schwachpunkt: Als unbedingt linientreu gelten die normalen Streitkräfte Saddams nicht. Sie sind schlecht ausgerüstet, schlecht ausgebildet und nicht ausreichend versorgt. Zum verhassten Gegner überzulaufen, scheint für die Soldaten nicht ausgeschlossen zu sein. Die ersten Truppenteile haben sich bereits ergeben. Wie ein Militärexperte dem Tagesspiegel sagte, sei damit zu rechnen, dass es noch mehr würden: „Wenn ein paar Tage lang Bomben fallen, wenn der Gegner allgegenwärtig zu sein scheint, wenn die Soldaten das Gefühl bekommen, sie würden beherrscht, dann geben sie auf.“ Mehr Widerstand wird von den Republikanischen Garden erwartet. Der Diktator selbst hatte einen Putschversuch aus diesen Reihen befürchtet, was den USA Hoffnung gibt. Entscheidend sei der „Versuch, einzuwirken auf die Machtelite, damit die im Interesse der Integrität des Landes und einer gewissen Kontinuität der Herrschaftsstrukturen sagt: Weg mit Saddam, wir kooperieren mit den Amerikanern und versuchen den Krieg zu beenden“, sagt Becher. Ob der normale Soldat „die weiße Flagge“ hisst, sei zweitrangig.

Information und Desinformation: Sowohl die Medien der westlichen Welt, als auch Radio- und Fernsehsender im Irak sind Instrumente der psychologischen Kriegführung der Amerikaner. Erstere lassen sich durch falsche oder absichtlich platzierte Informationen, die auch militärische Details betreffen können, nutzen. Die irakischen Organe werden schlichtweg übernommen. Eine Flotte von Informationsflugzeugen unter dem Namen „Commando Solo“, ist im Einsatz, um Signale lokaler Sender zu stören und eigene Programme einzuspeisen.

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