Zeitung Heute : Angst kennt keine Logik

Es ist unwahrscheinlich, dass der Scharfschütze von Washington einen erwischt – aber es ist möglich. Also gehen die Menschen kein Risiko ein und bleiben daheim

Malte Lehming[Washington]

Geschlossen. Alle Schüler in Richmond, der pittoresken Hauptstadt von Virginia, hatten am Montag frei. Die Entscheidung fiel am Sonntag, 18 Stunden vor dem ersten Klingelzeichen. Etwa 140000 Kinder sind betroffen. Eine konkrete Bedrohung habe nicht vorgelegen, sagt der oberste Schulrat. „Es war die Gesamtsumme unserer Bedenken, die uns diese Maßnahme hat notwendig erscheinen lassen.“ Damit sind vor allem Anrufe besorgter Eltern gemeint. Einige sollen am Telefon gefleht haben, andere laut geworden sein. Die Gesamtsumme der Bedenken wächst stetig.

Vielleicht ist Richmond aber auch der Ort, von wo aus sie sich wieder zerstreuen.

Die Schulkinder also müssen nicht raus in den grauen nieseligen Morgen. Aber ein weißer Transporter ist auf der Straße, er hält an einer Tankstelle, neben einem öffentlichen Telefon. Ein Arm greift aus dem Seitenfenster nach dem Hörer. Polizeiwagen rasen herbei, 30 oder mehr. Beamte rennen auf den Wagen zu, reißen die Tür auf, ziehen einen Mann heraus und werfen ihn zu Boden. Später sagt die Polizei, dass es irgendwoanders in Virginia noch eine Festnahme gegeben habe. Wer die Männer sind, wie die Polizei auf ihre Spur kam, sie sagt es nicht. Stattdessen teilt sie mit, dass sie mit dem Heckenschützen wieder Kontakt aufgenommen habe. Ja, Kontakt habe sie. Ende der Stellungnahme.

In Ashland, einem Vorort von Richmond, war am Samstagabend ein 37 Jahre alter Mann durch einen Schuss aus dem Hinterhalt niedergestreckt worden. Er war das zwölfte Opfer des mysteriösen Scharfschützen, der seit dem 2.Oktober im Großraum von Washington wahllos Menschen ermordet. Gehört Richmond noch zum Großraum von Washington? Beide Städte liegen rund 160 Kilometer voneinander entfernt. Offenbar vergrößert der Sniper bewusst seinen Aktionsradius. Er tötet, wo er will, wann er will, wen er will. Von der Angst, die er verbreitet, werden immer mehr Menschen erfasst.

Abgesagt. Das gesellschaftliche Leben in der amerikanischen Hauptstadt pendelt zwischen Kino-Besuch und Video-Verleih. Sämtliche Sportveranstaltungen, Open-Air-Konzerte und Straßenfeste sind gestrichen worden. Das alljährliche Kunstfestival in Bethesda? Die beliebte Oldtimer-Ausstellung in Rockville? Die Kürbis-Ernte, jenes traditionelle Herbstvergnügen von Centreville? Alles abgesagt.

Eingeschränkt. In Washington und Umgebung gehen die Kinder zwar zur Schule, aber austoben können sie sich nicht. Keine Ausflüge, kein Sport im Freien. Die meisten Schüler werden von ihren Eltern direkt vor der Schule abgesetzt und am Nachmittag genau dort wieder abgeholt. Der Bewegungsmangel verstärkt den emotionalen Stress.

Kein Zweifel: Das Alltags-Leben der Menschen in und um Washington hat sich durch den Heckenschützen gravierender verändert als durch die Terroristen vom 11.September. Die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon hatten etwas Einmaliges. Sie wurden zu einer bestimmten Zeit an bestimmten Orten verübt. Die Gefahr, die von dem Serienmörder ausgeht, ist unberechenbarer und anhaltender. Einkaufszentren sind leer. Niemand bummelt oder flaniert. Wer Lebensmittel braucht, lässt sie sich liefern. Ob Halloween in diesem Jahr stattfindet, weiß keiner. Die Bilder wären absurd. Kleine Kinder, die sich als Hexen oder Monster verkleiden, um anderen Menschen Angst einzujagen? Das Maß an erträglicher Angst ist ausgeschöpft. Es muss nicht noch freiwillig erduldete Angst hinzukommen.

Aber ist die Angst berechtigt? Ist es wirklich sinnvoll, sich zum Tanken mit einer kugelsicheren Weste unter dem Sweatshirt hinters Auto zu hocken? Statistisch ist das Risiko, von dem Heckenschützen ermordet zu werden, außerordentlich klein. Es gab neun Tote in 20 Tagen in einer Region mit etwa fünf Millionen Menschen. In demselben Zeitraum sind allein in der Stadt Washington 21 Menschen „traditionell“ ermordet worden. Vor ihrer Haustür erstochen, in der Küche erwürgt, im Auto erschossen. Die Gesamtzahl der Ermordeten liegt in diesem Jahr bereits bei 203. Das ist eine Steigerung, im Vergleich zum Vorjahr, von 16 Prozent. Doch diese Toten lösen keine Panik aus.

Denise de Bombelles ist Trainerin eines Fußballteams. Die Jungs sind elf und zwölf Jahre alt. Ein Bubi-Team. „Diese Kinder müssen an die Luft und sich bewegen“, sagt sie, „sonst werden sie alle zu nervlichen Wracks.“ Die 42-jährige Frau weiß, dass der Wunsch, Risiken zu vermeiden, neue Risiken produzieren kann. Ängstliche Menschen neigen dazu, gefährliche Entscheidungen zu treffen. Wer mit seinem Auto einen Umweg fährt, um einen bestimmten Ort zu meiden, erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Verkehrsunfalls. Wer sich eine Pistole kauft, um damit Einbrecher zu verjagen, erhöht die Wahrscheinlichkeit, sich selbst zu verletzen. Und wer Kinder wochenlang nicht ins Freie lässt, um ihre Unversehrtheit zu garantieren, produziert bei ihnen womöglich seelische Schäden.

Fest entschlossen sei sie gewesen, sagt Denise de Bombelles, sich von der allgemeinen Panik nicht anstecken zu lassen. Ihre Bubis sollten raus. Sie blieb stur, als der Dachverband, die „DC Stoddert Soccer League“, der 400 Mannschaften und mehr als 5000 Spieler angehören, alle Begegnungen absagte und die Betreuer aufforderte, das Training in die Turnhallen zu verlegen. „Ich bin ein rationaler Mensch“, sagt sie. Wenn das Risiko für ihre Jungs, von dem Sniper erschossen zu werden, nicht größer sei als das, von einem Blitz getroffen zu werden oder durch den Stromschlag eines defekten Toasters ums Leben zu kommen (wodurch in Amerika über 900 Menschen pro Jahr sterben), dann wäre es unsinnig, die Kinder nicht auf den Platz zu schicken.

Die Mathematik hatte sie auf ihrer Seite, nicht aber die Psychologie. Eines Nachts, das war am vergangenen Freitag, lag Denise de Bombelles wach in ihrem Bett. Visionen plagten sie. Sie sah ihren Sohn Luc auf dem Fußballfeld. Er war der Torwart. Die ganze Zeit stand er herum. Das perfekte Ziel für jeden Scharfschützen. Dann sah sie, wie er lautlos zusammenbrach, Blut strömte aus seiner Brust. Plötzlich raste ihr Herz. „Da wusste ich, dass es ein Fehler sein würde, die Kinder spielen zu lassen. Nichts ist es wert, auch nur das geringste Risiko einzugehen.“

Wenn die Angst in keinem rationalen Verhältnis mehr zum Risiko steht, wird die Größe der Gefahr von der Psyche übertrieben. Der Heckenschütze ist in aller Munde. Die Medien berichten 24 Stunden am Tag. Die Einschaltquoten sind die höchsten im ganzen Jahr. Als vor einem Jahr fünf Menschen an Anthrax-Bakterien starben, die mit Briefen versendet worden waren, hatten die Menschen ebenfalls Angst. Doch der Heckenschütze übertrifft auch das. Die Anthrax-Briefe schienen an ein begrenztes Opferspektrum adressiert worden zu sein, an Journalisten und Politiker. Die Kugel des Heckenschützen dagegen kann jeden treffen. Jederzeit.

In einer solchen Atmosphäre wirkt die Logik der Mathematiker leicht zynisch. Am vergangenen Samstag schaltete der Vater eines Schülers eine bissige Anzeige in der „Washington Post“. Darin bedauerte er, dass die Sportveranstaltungen „aufgrund von Paranoia“ abgesagt worden waren. Das sind Einzelstimmen. „Wir sprechen nicht von ,Absagen’, sondern von ,Verschieben’“, sagt ein Studiendirektor.

Wie lange das normale Leben verschoben werden soll, sagt niemand. Noch eine Woche, zwei Wochen, drei Wochen? In Richmond müssen die Schüler auch heute zu Hause bleiben. Vielleicht zum letzten Mal. Kann sein.

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