Zeitung Heute : „Angst macht schwerer“

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Jedes dritte Kind und jeder vierte Erwachsene in Deutschland können nicht schwimmen. Wie kam es dazu, Frau Ludewig?

Das sind alarmierende Zahlen. Ein Unding, dass es so etwas gibt in einem hochindustrialisierten Land. Das ist zum einen ein gesamtgesellschaftliches Problem: Die Kinder bewegen sich immer weniger, das wissen wir ja. Sie haben auch immer weniger Gelegenheit dazu. Immer mehr öffentliche Bäder werden geschlossen. Denn ein Bad ist immer ein Zuschussgeschäft, wegen der immensen Kosten im Energiebereich und der teuren Wasseraufbereitung. Zum anderen fängt aber auch der Schwimmunterricht in den Schulen zu spät an.

Wann wäre das beste Alter, um Schwimmen zu lernen?

Mit fünf, sechs oder sieben Jahren, je nach Entwicklungsstand des Kindes. Da ist der Gestaltwandel abgeschlossen, da fällt das Lernen am leichtesten. Wenn der Schwimmunterricht aber erst in der dritten Klasse anfängt, dann haben Sie das Problem, dass die Ängstlichen bis dahin schon noch mehr Angst haben.

Mit Folgen, denn mit der Zahl der Nichtschwimmer steigt die Zahl der Ertrunkenen. 2003 ertranken 644 Menschen in Deutschland, fünf Jahre zuvor waren es noch 477.

Klar. Und diese Zahlen führen dazu, dass Mütter noch ängstlicher werden, was sich wiederum auf die Kinder überträgt. Das heißt, bevor wir mit dem Schwimmunterricht anfangen können, müssen wir dem Kind erstmal die Angst vor dem Wasser nehmen. Eigentlich schwimmen Menschen ja immer oben: In einem normalen stillen Gewässer brauche ich mich bloß auf den Rücken zu legen und allenfalls ein paar ganz kleine Bewegungen zu machen – da passiert mir gar nichts. Wenn ich aber Angst habe und unkontrolliert rumzappele, geh ich unter. Angst macht schwerer. Wir fangen deshalb mit unserem Schwimmunterricht im Kindergarten an. Aber – und da gehen die Schwierigkeiten los – das müssen die Eltern bezahlen: Wir haben Ausgaben für den Bus, den Busfahrer, den diplomierten Übungsleiter am Beckenrand. Dann erreichen wir natürlich nur die Kinder, deren Eltern sich das leisten können und die ohnerhin wissen, wie wichtig das Schwimmen ist.

Was kostet der Schwimmunterricht für Anfänger?

Eine Stunde kostet um die fünf Euro. Das ist schon machbar Aber selbst das können sich viele nicht leisten. Und wenn stimmen sollte, was mir zu Ohren gekommen ist, dass nämlich einige Bundesländer wie Hamburg zum Beispiel überlegen, den Schwimmunterricht ganz entfallen zu lassen, dann wäre das eine Katastrophe. Dann läge es ja nur noch an den Eltern und ihrem Geldbeutel, ob die Kinder Schwimmen lernen.

Die Krankenkassen helfen da nicht?

Ich habe es versucht, aber da hätte ich auch mit einem Rettungsring reden können: Die waren zwar sehr begeistert, aber finanziell unterstützen konnten sie uns nicht. Jetzt versuchen wir die Schulen abzuklappern, um den Schwimmunterricht für die ersten Klassen zu übernehmen. Das ist ja, jetzt spreche ich mal so eine Phrase aus, auch eine Frage der Volksgesundheit. Schwimmen kann man bis ins hohe Alter, wenn es auch mit dem Treppensteigen und dem Laufen nicht mehr klappt. Deshalb ist es wichtig, von frühester Kindheit an Kontakt mit Wasser zu haben.

Beate Ludewig ist Schwimmtrainerin für Anfänger und Hochleistungssportler wie Sandra Völker und Stev Theloke.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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