Zeitung Heute : Angst und Schrecken in Las Vegas Deutscher in US-Haft – Vorwurf: unbekannt

Sonja Pohlmann

Nun, da alles vorbei ist und er darüber sprechen kann, sagt Majed Shehadeh: Ich hatte Angst zu sterben. Als die Kälte durch seinen grünen Gefängnisanzug kroch, sei er längst am Ende seiner Kräfte gewesen. Zwei Tage lang habe er da schon nichts gegessen. Und sein Herz schlug unregelmäßig, weil er seine Medikamente nicht nehmen konnte.

Eigentlich kam der 62-jährige Deutsche syrischer Herkunft in die USA, um zu feiern: das Juraexamen seiner Tochter Majida, die hier lebt. Doch statt ihrer bekam Shehadeh Betonböden und Stahlgitter zu sehen. Er wurde von der Einwanderungsbehörde festgehalten – drei Tage lang, ohne Gründe zu erfahren. Seit Montag ist er zurück in Deutschland.

Die Sache beginnt am 28. Dezember, als Shehadeh gegen 14 Uhr mit einer Condor-Maschine aus Frankfurt auf dem Flughafen in Las Vegas landet. Seine Frau will ihn abholen. Sie ist schon seit zehn Tagen in den USA. Doch Shehadeh bleibt bei der Passkontrolle hängen: Dem Beamten kommt sein deutscher Pass verdächtig vor, er beinhalte arabisch aussehende Briefmarken. Shehadeh, der im fränkischen Alzenau lebt, will erklären: Er ist Geschäftsmann, er arbeitet für deutsche Firmen in arabischen Ländern. Besonders in Syrien kennt er sich aus, schließlich wurde er in Damaskus geboren.

Shehadeh wird ins Büro der Einwanderungsbehörde gebeten. „Sie dürfen nicht einreisen“, sagt ein Beamter. Ein Ranghöherer betritt den Raum. Shehadeh müsse Fragen beantworten, sagt der: Mit wem arbeiten Sie zusammen? Haben Sie 1977 den syrischen Bürgerkrieg finanziell unterstützt? Wissen Sie, wer Rafik Hariri umgebracht hat? Dann wird er in Handschellen abgeführt und ins Gefängnis gebracht. Inzwischen ist es neun Uhr abends. Erst jetzt wird seine Frau informiert.

Um fünf Uhr morgens wird Shehadeh zurück zum Flughafen gefahren, wieder wartet er in der Einwanderungsbehörde. Fünf Stunden später geht es zurück, ohne dass ihm eine einzige Frage gestellt wurde. Am Abend muss er seine Kleidung gegen den dünnen, grünen Gefängnisanzug tauschen. Shehadeh hört auf sein Herz, das immer unregelmäßiger zu schlagen scheint. Erst am Samstagmorgen darf er seine Tabletten nehmen.

Gegen 16 Uhr wird er im Gefängnis erneut verhört. Danach wird ihm gesagt, dass er am Sonntag zurück nach Deutschland darf. Beamte begleiten ihn in die wartende Condor-Maschine.

Shehadehs Frau Joanne und seine Tochter versuchten alles, um ihn frei zu bekommen. Sie kontaktierten Politiker, die deutsche Botschaft, den Rat für islamisch-amerikanische Beziehungen. Das deutsche Generalkonsulat in Los Angeles bat um Aufklärung – und um korrekte medizinische Behandlung. Vom FBI und den Beamten der U. S. Customs and Border Protection erhielt die Familie keine Auskunft. „Mein Mann wurde verdächtigt, nur weil er ein Muslim ist“, sagt Joanne Shehadeh.

Diesen Vorwurf weist Kelly Klundt, Sprecherin bei U. S. Customs and Border Protection zurück. Täglich reisten 1,1 Millionen Menschen in die Vereinigten Staaten ein, 860 von ihnen würde der Zutritt verweigert – wegen unzureichender Dokumente, weil Terrorismusverdacht besteht oder kriminelle Aktivitäten vermutet werden. Was davon auf Shehadeh zutrifft, will Klundt nicht sagen. Dass er selbst nicht über die Gründe seiner Festnahme informiert wurde, sei normal. Ebenso, dass er keinen Anwalt kontaktieren durfte und im Gefängnis warten musste. Condor fliege nur donnerstags und sonntags von Las Vegas nach Frankfurt. „Und bis dahin mussten wir Herrn Shehadeh sicher unterbringen“, sagt Klundt, „ich kann jedenfalls nicht verstehen, warum er sich so aufregt.“

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