Zeitung Heute : Angst vor dem Euro

HERMANN-JOSEF KNIPPER

Jeder zweite Deutsche lehnt den Euro immer noch ab, zweifelt an der Stabilität der künftigen europäischen Währung und fürchtet durch den nahenden Verlust der guten alten D-Mark persönliche NachteileVON HERMANN-JOSEF KNIPPERDas hat eine neue Handelsblatt-Umfrage - wenig überraschend - ergeben.Die Vorbehalte gegen den Euro sitzen hierzulande also weiter tief und sind offenbar kaum abzubauen.Alle Faltblatt- und Fernsehkampagnen haben an der Anti-Euro-Stimmung nichts ändern können.Eine Volksabstimmung in Deutschland, würde sie von den Regierenden nicht kategorisch ausgeschlossen, würde den Euro zu Fall bringen. Nicht nur, weil die Bürger zum Euro nicht befragt werden, steht inzwischen jedoch felsenfest: Der Euro kommt.Wie einst das Zementkartell stehen der skeptischen Bevölkerung die Euro-überzeugten Spitzenvertreter aus Parteien, Wirtschaft, Gewerkschaften und großen Teilen der Wissenschaft gegenüber und werden den Euro mit vereinten Kräften durchsetzen.Daran dürften auch die letzten Scharmützel einzelner Euro-Gegner vor dem Bundesverfassungsgericht nichts ändern.Auch übrigens nicht die Welle der Professoren, die die Mark retten wollen und dieser Tage in die Schlagzeilen drängen.Der Verdacht, daß es den ehrenwerten Lehrherren dabei mehr um die Schlagzeilen als um die Mark geht, hält sich hartnäckig. Ähnlich lassen sich manche Politiker, die zwischen ihrem angeblichen Gespür für Wählerwünsche und rationaler Entscheidungspflicht offenbar hin- und hergerissen sind, immer wieder auf Verschiebungs- und Plebiszit-Forderungen ein - zuletzt sprachen sich Hamburgs Ex-Bürgermeister Voscherau (SPD) für einen Volksentscheid und Sachsens Ministerpräsident Biedenkopf (CDU) für eine Euro-Verschiebung um drei Jahre aus.Wortmeldungen dieser Art bewirken nur eine weitere Verunsicherung der Bürger und schüren die Ängste. Dem Euro-Kartell kann man für den langsam beginnenden Polit-Sturm vor der definitiven Entscheidung am 2.Mai - wenn die EU-Staats- und Regierungschefs die Teilnehmerländer der Währungsunion festlegen - nur wünschen, nicht vom Pfad der Tugend abzuweichen.Denn die Ängste der Bevölkerung sind unbegründet.Nichts deutet darauf hin, daß der Euro schwächer wird als die Mark.Sparbücher und Lebensversicherungen verlieren nicht an Wert, sondern werden schlicht umgerechnet - wer vorher 50 000 Mark auf der hohen Kante hatte, wird irgendwann, nach heutigem Umrechnungskurs, knappe 25 000 Euro gespart haben, aber damit nichts an Kaufkraft verlieren. Stattdessen gibt es mit dem Euro politisch und wirtschaftlich viel zu gewinnen - das weitere Zusammenwachsen des kleinen, historisch zersplitterten Kontinents Europa auf der einen Seite und die viel reibungsärmere wirtschaftliche Verzahnung der Staaten.Das ist besonders für einen rohstoffarmen Exporteur wie die Bundesrepublik wichtig.Wechselkurs-Tricksereien wie in Italien, Großbritannien und Spanien, die in Deutschland Anfang der neunziger Jahre durch eine starke Aufwertung der Mark viele Arbeitsplätze gekostet haben, sind im Euro-Raum ausgeschlossen.Deswegen ist es so wichtig, daß möglichst viele Länder möglichst rasch an der Währungsunion teilnehmen. Trotz aller guten Argumente muß das Euro-Kartell, an der Spitze die Bundesregierung, die Bedenken der Bürger ernst nehmen.Es mag sehr mühsam sein, aber Aufwand und Phantasie der Informationskampagne sollten ausgeweitet werden.Noch wichtiger ist es sicherzustellen, daß der wirtschafts- und finanzpolitische Stabilitätskurs von allen Euro-Ländern strikt und nachhaltig eingehalten wird.Nur so kann das Vertrauen in einen dauerhaft stabilen Euro heranwachsen.Erst dann schwindet die Angst.

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