Anhalter Bahnhof : Alle Brüder werden Menschen

von
Anhalter Bahnhof

Wer im Auswärtigen Amt anruft und in die Warteschleife gerät, hört seit kurzem die Europa- Hymne, also Beethovens „Freude, schöner Götterfunken“. Weil in seinem Haus stets besonders kostenbewusst gehandelt werde, sagt Guido Westerwelle in seinem Grußwort zum Neujahrskonzert im Weltsaal des Ministeriums, habe man die Melodie nur von einem Kammerensemble einspielen lassen. Eine der zweiten Violinen wird dabei auch noch von einem Mitarbeiter des Ministeriums gespielt – Beethoven mit Synergieeffekt.

Verwunderlich, dass gleichzeitig der Champagner in Strömen fließt. Nun ja, errät der FDP-Politiker die Gedanken seiner Gäste, das sei nur dank der großzügigen Partner dieses Abends möglich, Veuve Clicquot, Feinkost Käfer und BMW. „Ich gehöre zu den wenigen Menschen, die ihre Sponsoren öffentlich nennen“, betont der Außenminister – und jeder im Saal weiß, auf welchen Altbundespräsidenten die verbale Spitze zielt.

Zahlreiche ausländische Exzellenzen sind gekommen, Diplomaten im feinen Zwirn, hochmögende Bundestagsabgeordnete – und Franjo Pooth samt Kik- Werbeikone Verona. Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt, heißt es im Beethoven-Chor. „Eine wunderbare Utopie“, glaubt Deutsche-Welle-Chef Erik Bettermann – und vertraut gleichwohl darauf, dass die Musik zu ihrer Verwirklichung beitragen kann.

Diese verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen am Dienstag die Musiker des Deutschen SymphonieOrchesters, die den hauptstädtischen Geselligkeitsabend im Auswärtigen Amt bereits zum neunten Mal mitgestalten. Natürlich starten sie mit der Europa-Hymne, auch sie in einer personalreduzierten Version, nämlich für Blechbläser. Allerdings nicht aus Spargründen, sondern weil doch Klassik ebenso wenig Worte braucht, wie sie Grenzen kennt. Dem großen deutschen Exportartikel Richard Wagner wird mit seinem hauchzarten „Siegfried-Idyll“ gehuldigt, unter reger Beteiligung von Handys und Funkgeräten sowie erdwärts strebenden Sektgläsern und Programmheften. Dann erklingen impressionistische Tongespinste der französischen compositeurs Maurice Ravel und Claude Debussy, als Erinnerung an die Unterzeichnung der Elysée-Verträge vor 50 Jahren.

Ein wenig zu filigran für den Anlass, das Programm, finden einige beim anschließenden Empfang. Die schrille Dame mit den Mörder-Stilettos hält munter dagegen: „Ich bin ja mehr für die leisen Töne!“ Sowas nennt mal wohl höhere Diplomatie. Frederik Hanssen

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