Anhalter Bahnhof : Ben Hur im Dom

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Geliebt wird er nicht sehr, der Berliner Dom. Das größte Gotteshaus der Stadt, das Riesending mit dem Riesenhall, das einem den freien Blick vom Lustgarten zum Ufer raubt. Von Beginn an als architektonische „Schaustellerei“ kritisiert, strahlt der wilhelminische Baukörper bis heute keinerlei Innerlichkeit aus. Maßlos gebiert er sich auch im Unterhalt, verschlingt Domerhaltungsgebühren und bietet dafür lediglich ein paar alte Hohenzollernknochen.

Diese gewaltige Bühne überlässt die Kirche gegen Entgelt gern der Kultur, denn wenn irgendetwas nicht funktioniert, kümmert die sich erst um die Zwischen- und dann um die Umnutzung. Ob es die Versuche sind, den „Jedermann“ wieder an der Spree heimisch zu machen oder bunte Szenen zu Haydns „Schöpfung“: Am besten klingen hier noch Totenmessen à la Berlioz mit mindestens acht Paar Kesselpauken.

Auftritt Stefan Graf von Bothmer, der jetzt alle 133 Register der Dom-Orgel zieht. Der Stummfilmpianist lässt im Altarraum eine Leinwand aufstellen und will die ruckelnden Klassiker des Genres mittels einer eigens für diesen Anlass komponierten Musik mit Architektur und Weltanschauung verbinden. Jedem Film wird dabei eine der Seligpreisungen gegenübergestellt, die in der Domkuppel eingelassen sind. Los geht es diesen Freitag mit der „Ben Hur“-Verfilmung von 1927: Selig sind die Barmherzigen. Es folgen, auch passend, „Panzerkreuzer Potemkin“ und Kurzfilme von „Dick und Doof“: Selig sind die, die ein reines Herz haben. Bedenken ob seiner Cinetheologie tritt von Bothmer sanft entgegen: „Die Kirche tut sich traditionell mit dem Lachen schwer. Sie tendiert eher zur stillen Freude.“

Damit ist es nun im Dom vorbei. Aus 7962 Orgelpfeifen dringt das Actionlob des Grafen, während Quadrigen den Altarraum umpflügen und Ben Hur nach zweieinhalb Stunden fortgesetzten Leidens an den Römern zum Glauben des gerade erst gekreuzigten Jesus von Nazareth findet. Eine von 42 Kameraleuten aus allen Perspektiven festgehaltene Urchristianisierung nebst Untergang des protzenden Roms. Man blickt betreten zur Decke in beinahe 70 Metern Höhe. Lehren aus der Bergpredigt fallen in Berlin, naturgemäß, wenig erhaben aus. Ulrich Amling

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