Anhalter Bahnhof : Berlin am Wolfgangsee

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Ob das Berlin der Roaring Twenties sich seiner selbst wohl bewusst gewesen ist, als so wild, grell und spaßhaberisch-grenzenlos, wie wir die Stadt heute gern hätten? Marlene Dietrich, Curt Bois, ach, die Dreigroschenoper, das Kabarett der Komiker, Max Reinhardt, die Baker ... Der Grat zwischen Euphorie und Depression freilich war immer schon schmal. „An manchen Tagen verstopft sich das Programm geradezu“, schwärmte Erich Kästner 1929, „dann liegen für drei und vier Theater Billets auf meinem Schreibtisch, und es bedarf der raffiniertesten telephonischen Manöver, bis alles geregelt ist.“ Ein Jahr später klingt das bereits so: „Berlin wäre, so heißt es, eine Weltstadt. Nun, möglich ist alles. Aber alles, was man sieht, wirkt eher wie der waghalsige, aussichtslose Versuch zur Weltstadt, nicht wie sie selbst. Die Untergrundbahnprojekte werden gestoppt. Im Bau befindliche Bahnen werden nicht weitergeführt. Die Zahl der Arbeitslosen wächst. (…) Hier muss man Häuser bauen können, während sich der Boden unter den Füßen fortbewegt.“

Einer, der diese Technik virtuos beherrschte, war der Komponist Ralph Benatzky. Vor 80 Jahren wurde seine Operette „Im weißen Rössl“ am Großen Berliner Schauspielhaus uraufgeführt, eine spöttische Revue auf das Salzkammergut als K.-u.-k-Postkartenidyll. „Die Landschaft von St. Wolfgang baut sich bis in die alpenglühenden Gipfel auf und geht rund ums Parkett, das zum Talkessel wird“, hieß es in einer Berliner Kritik. „Die Echtheit zu beglaubigen, rollt ein richtiger Autobus auf die Bühne, ein richtiger Regen schnürlt vom Himmel, und Ziegen meckern dich an.“

Das „Rössl“ ist ein Welterfolg, die Nazis verbieten es trotzdem. Wegen seiner „entarteten“ Folklore und jüdischen Mitautoren, außerdem finden sie den schönen Sigismund frivol. Nach 1945 mutiert das Stück zur Heimatschnulze, erst Anfang 2009 taucht das vollständige Orchestermaterial der Uraufführung wieder auf, in Zagreb, Kuhglockenstimme inklusive.

Gestoppte U-Bahn-Bauten? Wohnungsnot? Flugroutenhysterie und Terrorangst? Demonstrieren als After- Work-Party? Im hauptstädtischen Theater dagegen, pssst, bleibt diesen Herbst alles verdächtig ruhig. Am Sonntag feiert das „Weiße Rössl“ an der Komischen Oper Premiere, in der Ur-Fassung, mit Dagmar Manzel als Rösslwirtin und Irm Hermann als Kaiser Franz Joseph. Fehlt bloß noch eine kleine meckernde Ziege – und wir fühlen uns wieder so weltstädtisch und verrucht wie 1930. Christine Lemke-Matwey

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