Anhalter Bahnhof : Berlin liegt am Wörthersee

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Wenn an diesem Donnerstagmorgen der traditionelle Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt beginnt, könnte es gut sein, dass der erste Beitrag von einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin aus Berlin kommt. Gut möglich, dass danach ein weiterer Berliner Autor liest, gefolgt von einer Berliner Autorin, gefolgt von einem Autor, der, na klar, in Berlin lebt. Vierzehn Autoren und Autorinnen lesen in den kommenden drei Tagen in der kleinen Stadt am Wörthersee, um den mit 25 000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis zu gewinnen – und mehr als die Hälfte von ihnen kommt aus Berlin. Die Chancen stehen also gut, dass der Bachmann- Preis 2011 nach Berlin geht. So wie im vergangenen Jahr, als Peter Wawerzinek gewann. Oder 2008, da war es Tilman Rammstedt. Oder 2006 Kathrin Passig. Oder 2003 Inka Parei.

Wofür aber spricht das nun, außer dass ganz Berlin gerade in Klagenfurt liest? Dass Berlin die Literaturhauptstadt Deutschlands ist? Dass die beste deutschsprachige Gegenwartsliteratur aus Berlin kommt? Dass die Bedingungen für Schriftsteller hier am besten sind? Als Lokalpatriot müsste man alle diese Fragen sofort mit Ja beantworten, als Skeptiker zumindest mit Jein. Als ein solcher müsste man anführen, dass bedeutende Verlage wie der Hanser Verlag oder Kiepenheuer & Witsch oder der S. Fischer Verlag nicht in Berlin zu Hause sind, sondern in München, Köln oder Frankfurt. Dass Uwe Tellkamp in Dresden wohnt, Peter Kurzeck in Frankfurt am Main und Uzès, Brigitte Kronauer in Hamburg, Tino Hanekamp in Hamburg. Und dass es mit dem Berlin-Roman ja im Moment auch so weit her nicht ist.

Außerdem muss erwähnt werden, dass natürlich keiner der Berliner Wettbewerbsteilnehmer 2011 in Berlin geboren ist, sondern in Borken, Lauingen, Greifswald, Frankfurt am Main oder Aarau. Welcher Berliner in Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain oder Kreuzberg kennt schon Berliner, die in Berlin geboren sind? Es hilft alles nichts: Literatur aus Berlin ist eben doch nicht immer gleich Literatur aus Berlin. Automatisch gut ist sie deshalb auch noch nicht.

Man könnte dennoch auf den verwegenen Gedanken kommen, den Bachmann-Wettbewerb gleich in Berlin auszurichten, am Wannsee oder am Müggelsee oder zumindest an einem Brandenburger Gewässer. Dann hätten es alle nicht so weit, und spannend bliebe das Wett- und Schaulesen auch. Es wäre nur nichts Besonderes mehr. Denn am schönsten ist es doch, wenn man in der Fremde unter sich ist. Oder etwa nicht? Gerrit Bartels

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