Anhalter Bahnhof : Bewegliche Betonköpfe

von
Anhalter Bahnhof

Schwer hängt der Himmel über der Riesenbaustelle, die im Stadtplan als „Mitte“ verzeichnet ist. Sperrungen, Sackgassen, Spurverengungen, Zäune, Absperrungen so weit das Auge reicht. Der Bauch Berlins ist aufgerissen, an unzähligen Stellen, die Hauptstadt hat Erneuerungsfieber. Und weil’s so rasant vorangeht, gilt: absolutes Halteverbot. Weiträumig, überall dort, wo gerade kein Bagger steht.

Ober- wie unterirdisch wachsen die prestigeträchtigen Problemprojekte: Schloss, Staatsoper, Kanzler-U-Bahn. Nur Schinkels Bauakademie ist immer noch ein potemkinscher Palazzo, Backsteinornamentik auf Plastikplane. Klassizistische Tristesse, ohne Hoffnung auf Investorenliebe. Und als wäre das nicht genug, ist der Bau auf Höhe der Beletage von dicken, blauen und magentafarbenen Rohren umzingelt. Aufgeständerte Abwasserleitungen sind das, in denen braune Brühe aus den Baugruben gen Spree gurgelt.

Doch halt: Auf den Betonblöcken, in denen die Stützen stecken, sind Worte aufgesprüht. Aphorismen großer Denker. „Alles wird interessant und wichtig, wenn man lange genug hinsieht.“ Ein Zitat von Gustave Flaubert. „Unkraut ist die Opposition der Natur gegen die Regierung der Gärtner“, hat Oskar Kokoschka gesagt. Und Arthur Conan Doyle weiß: „Fallen ist wie Fliegen – mit dem Unterschied: Es gibt ein verbindliches Ziel.“ Auch ein Zitat aus dem Tagesspiegel ist dabei: „Die Welt ist ein Bordell: Man wird schnell abgefertigt und geht hungrig raus.“

Eine aufgesprühte Mailadresse weist den Weg zu jenem Menschenfreund, der diese erhellende Intervention im Stadtraum erdacht hat. Wolfgang Nieblich ärgerte sich im vergangenen Jahr über die klotzigen Rohrleitungen, die vor seinem Atelier in der Pfalzburger Straße hochgezogen wurden. Also begann er den Beton zu beschriften – was der Tiefbaufirma Brechtel so gut gefiel, dass aus der lokalen Kunstaktion eine Wanderausstellung wurde. Seit November stehen die Rohre samt aussagekräftigen Stützquadern nun in Mitte. Und helfen, im Gewirr der urbanen Um- und Abwege, diesem beängstigenden, zukunftstrunkenen Chaos, klar zu sehen. Mit Einsteins Worten zum Beispiel: „Probleme lassen sich niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Frederik Hanssen

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