Anhalter Bahnhof : Bücher sind beim Umzug das Schwerste

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Als Siegfried Unseld im Januar 1993 Berlin besuchte, mutmaßte er nach einem Gang durch das Scheunenviertel: „Irgendetwas Neues bereitet sich hier vor. Sturm und Drang? Selbst ein New Yorker stand staunend und meinte, den Ausbruch einer neuen Zeit zu empfinden, den Sprengstoff zu riechen und die Kraft zu spüren.“

17 Jahre später spürt nun der Suhrkamp-Verlag höchstselbst unter der Leitung der Unseld-Witwe Ulla Unseld- Berkéwicz die Kraft von Berlin. Nach dem Umzug in das ehemalige Finanzamt in der Pappelallee hat der Verlag nach 60 Jahren in Frankfurt an diesem Montag offiziell seine Arbeit in Berlin aufgenommen. In der Pappelallee ist davon nicht viel zu spüren. Lediglich zwei schäbige weiße, lose befestigte Zettel rechts und links vom Eingang weisen darauf hin, dass hier jetzt der Suhrkamp-Verlag residiert, für mindestens zwei Jahre, bevor es ins Nicolai-Haus geht. Deutlicher als die orientierungslosen Besucher des Verlages werden die Steuerzahler beschieden: „Hier ist kein Finanzamt. Neue Adresse: Storkower Straße“.

Im Gebäude erst mal viele leere Räume und keine Wegweiser. Der Verlag hat Teile der dritten und die Etagen darüber inklusive Dachgeschoss gemietet, und dort werden überall noch Kisten ausgepackt und Regale gefüllt. Umzugsbusiness as usual also, nur gibt es das bei Suhrkamp nicht. Da muss die Pressesprecherin unentwegt offiziell bestätigen: „Der Umzug hat gut geklappt.“

Ansonsten wird geschwiegen, werden Bücher gemacht, Bilanzen sortiert. Thomas Sparr, der stellvertretende Verlagsleiter, hat überhaupt keine Zeit, und die Verlegerin ist sowieso nur in Ausnahmefällen zu sprechen. In Berlin seien die Straßen breiter, dort könne man nebeneinandergehen, hat sie in einem einzigen, kargen, gewohnt verschwurbelten Umzugsinterview per E-Mail gesagt.

In Berlin, das hat sie nicht gesagt, kann man auch gut in Ruhe gelassen werden. Oder böse ignoriert werden, je nach Sichtweise. Dem Suhrkamp- Verlag wäre vermutlich erst mal beides recht. Der würde sich darüber freuen, wenn es nach der offiziellen Einweihungsfeier am 26. Januar im Beisein des Regierenden Bürgermeisters um nichts anderes mehr ginge als seine Bücher. Gerrit Bartels

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